Zur falschen Zeit am falschen Ort…

Ich muss gerade mal meinem Ärger Luft machen. Ich war gerade beim Edeka in unserem Ort an der Fleischwarentheke. Kurz für den Sohnemann was zu beißen besorgen. Wer es kennt: Man zieht eine Nummer und wartet bis man dran ist. Ich hatte die Nummer 87. Es war recht voll an der Theke: Handwerker in der Mittagsschicht, recht viele Senioren, ein paar Mütter. Ich bin dann dran und von rechts beginnt eine ältere Dame, Ihre Bestellung aufzugeben. Ich: „Sorry, ich habe die Nummer 87“ und winke freundlich mit dem Zettel. Die Seniorin in einem total abschätzenden Ton und vor versammelter Mannschaft so laut, dass es alle mitbekommen: „Ach ja, Gott. Sie sind so winzig, man kann Sie ja gar nicht sehen. Ich habe die Nummer 88…Dann machen Sie halt schnell!“

Ich kriege vor Wut keine Luft, mir schießen die Tränen in die Augen und ich denke: „Nee, den Gefallen tust Du ihr nicht!“, beginne zu bestellen, versuche die Frau auszublenden, die unverhohlen mit ihrem Mann anfängt zu diskutieren, dass sie ja wohl jedes Recht der Welt hätte, jemanden, der so winzig ist, wie ich zu übersehen. Sie schert sich keinen Dreck darum, dass ich das alles mitbekomme. Hinter mir fangen zwei Handwerker an, über die Seniorin zu tuscheln. Vor mir schaut die Verkäuferin betreten zur Seite. Glaubt aber mal ja nicht, dass einer das Herz in die Hand genommen hätte, um mich in der Situation zu unterstützen.

Eine Kleinigkeit meint Ihr? Kann sein. Es war die falsche Bemerkung an einem falschen Tag und an einem falschen Ort mit einer nicht so guten Tagesverfassung meinerseits. Und man knickt ein wie eine Blume, die von einem Kind zu hart angefasst wurde.

Aber genauso wie das, was ich heute erlebt habe, tickt Deutschland. In noch keinem anderen Land, in dem ich gelebt habe oder länger gewesen bin, habe ich solche Bemerkungen gehört und habe oberflächliche Menschen getroffen. Nicht in den Niederlanden (wo wirklich große Menschen leben), nicht in Frankreich, nicht in England und schon gar nicht in der Schweiz. Dort scheint es andere Werte zu geben als bei uns. Ich weiß nicht, woran es hier in Deutschland hadert. Aber viele Menschen bei uns haben ein Grundproblem mit anderen Menschen, die irgendwie nicht 08/15 sind. Da möchte ich mir nicht einmal vorstellen, wie es Menschen geht, die mit einem wirklichen Handicap zu kämpfen haben. Und nein, ich finde es auch nicht lustig, wenn mich alle Nase lang jemand darauf hinweist, dass meine Kinder mit 12 und 10 schon so groß sind wie ich.

Übrigens: die klassischen Prototypen, die derart ignorant sind, sind nicht die jungen Leute, nicht die Ausländer und nicht die Kinder. Es sind erstens die älteren Damen, deren Leben sich offensichtlich nur noch zwischen Zuhause und der Wursttheke bei Edeka abspielt. Und es sind zweitens die fast zwei Meter großen Kerle, die meinen, ihre Körpergröße gäbe ihnen das Recht, andere mit ihrem schwarzem Zynismus zu deckeln.

Mein Tag ist für heute gelaufen. Ich hätte an der Theke kontern sollen? Kann sein. Aber dafür bin ich einfach zu höflich und zu gut erzogen. Sorry, das musste mal raus! Danke fürs Zuhören!

 

3 thoughts on “Zur falschen Zeit am falschen Ort…

  1. Ihre Erzählung wäre gut für eine Szene eines Films…..Sie schreiben einfach sehr sehr gut und unterhaltsam.und beim Lesen steht man förmlich neben Ihnen- Ich hätte mich eingemischt und wie ich mich kenne sehr ironisch diese alte Dame ins Lächerliche gezogen.
    Liebe Grüße!

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