Windstill (Kapitel 4)

Am nächsten Morgen kommt Leon kaum aus dem Bett, so müde ist er. Gestern Abend, da hatte er nicht einschlafen können, so sehr hatten ihn die Ereignisse des Tages gefangen genommen. Immer noch spürte er den Duft des Mädchens, dessen Namen er so gerne gewusst hätte.

„Was  machen wir heute?“ fragt seine Mutter beim Frühstück. „Wir könnten gemeinsam eine Radtour machen. Oder später eine Wattwanderung. Das wäre sicher lustig.“ Am liebsten würde Leon ein langes Gesicht ziehen, so bescheuert findet er die Idee. Viel lieber würde er sich wieder sein Fahrrad schnappen. „Keine Lust“, brummt er. Seine Mutter schaut ihn nachdenklich an. „Naja, wenn das so ist, dann lass ich Dich wohl besser. Sehen wir uns später hier zu Hause zum Essen?“ „Klar“ und mit einem  Satz ist Leon vom Stuhl, schnappt sich ein Croissant und seine Windjacke und flitzt aus dem Haus. Er kann es kaum erwarten, wieder den kleinen roten Leuchtturm zu sehen, der wie ein Fels in der Brandung an der Klippe steht. Bestimmt ist sie auch da, denkt sich Leon.

Wieder geht es über die sandigen Dünen hinauf zum Leuchtturm. Aber der steht verlassen da, nur ein paar Möwen, die Platz genommen haben, um über das Meer zu schauen.  Leon hat ein dumpfes Gefühl im Bauch. Unangenehm. Ungewohnt. Wo ist sie nur, denkt er sich. Sie kann doch nicht einfach nicht hier sein. Unschlüssig steht er an der Klippe. Er geht um den Leuchtturm. Einmal, zweimal. Schaut nach rechts, links, oben.

„Hallo, ist da jemand?“, ruft er in den Wind. Keine Antwort. Ich kenne noch nicht einmal ihren Namen, denkt er. Wie soll er jemanden finden, dessen Namen er nicht einmal kennt? Er weiß, wie sie riecht. An ihrem Duft würde er sie erkennen. Gestern hat er noch darüber nachgedacht: Ein bisschen Vanille, Thymian, vielleicht etwas Lavendel. So würde er sie beschreiben. Wenn er ihren Duft malen würde, wäre seine Farbe violett. Ein warmes und dunkles Violett. Am Strand sieht er jemanden laufen. Das könnte sie sein, denkt er sich und dreht das Lenkrad um, fährt den kleinen Sandweg, der Richtung Wasser führt. Doch dann lässt ihn der Sand nicht mehr weiter, zu tief sinkt sein Fahrrad ein. Also zu Fuß weiter.

„Hallo“ ruft er in den Wind. „Hallo. Ich bin hier!“ Aber sie dreht sich nicht um, läuft einfach weiter. „Hey Du, warte auf mich!“, ruft er und rennt so schnell er kann gegen den Wind an. Aber der Wind ist heute stark und pustet ihm ins Gesicht als wolle er ihn nicht auf den Strand lassen: Zutritt verboten!  „Lass mich durch“, schreit Leon und lehnt sich mit seinem ganzen Körper ihm entgegen. Dann ist er plötzlich vorbei an einer kleinen Düne und da wird der Wind weniger. Noch 200, 150, 50 Meter ist er weg von ihrem braunen Haar, das in der Luft umherwirbelt. Fast meint er, sie riechen zu können, aber das ist wahrscheinlich nur Einbildung.

Dann ist er plötzlich neben ihr, völlig außer Atmen. Er krümmt sich und versucht, Luft zu holen. „Warum wartest Du denn nicht?“ ruft er. „Ich dachte, wir sind Freunde?“  Sie dreht sich zu ihm hin. Lächelt ihn an. Ihr Mund gibt eine kleine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen frei. Frech.

„Ich habe Dich gesucht. Ich dachte, Du hättest auf mich gewartet, da oben am Leuchtturm!“ Sie schaut an ihm vorbei, direkt auf den Leuchtturm, als müsse sie sich vergewissern, dass ihn niemand fortgetragen hat.  „Hey, ich rede mich Dir.“ Aber sie steht einfach nur da, schaut verloren auf die Klippe. Sie trägt heute einen Jeansrock mit roten Strümpfen, eine dicke braune Steppweste, an den Füßen ein paar grüne Gummistiefel mit weißen Punkten.

Oh Mann, da habe ich mir ja was eingebrockt, denkt sich Leon. Vielleicht hat die ja nicht alle Tassen im Schrank. So ein Fall von total durchgeknallt. Vielleicht soll er besser abhauen.  Aber irgendwie kann er nicht. Keine Ahnung, weshalb. Also bleibt er und steht einfach da. Sie setzt sich in den Sand und zieht ihre Gummistiefel aus. Darunter kommen noch zwei rote dicke Socken zum Vorschein. Die rechte Socke hat ein dickes Loch, da wo der große Zeh sitzt, der frech aus dem Loch herausguckt. Sie schaut zu ihm hoch. Erwartungsvoll. Abwartend.

Leon seufzt: „Ach, was soll`s.“ Er setzt sich neben sie ihn den Sand und zieht seine roten Chucks von den Füßen.  Darunter zwei nackte Füße. Leon trägt im Sommer nie Socken. Zu lästig. Also sitzen sie da, mitten im weichen Sand und schauen Richtung Meer: Zwei kleine Menschen. Vier Füße, die mit ihren großen Zehen wackeln. Ihr Nagel am Zeh, der aus der roten Socke schaut, ist lila  angemalt. Vanille, denkt Leon.

Draußen auf der See zieht ein Segelboot vorbei, zerteilt das Wasser während seiner Fahrt. „Wenn ich groß bin, würde ich gerne die Welt sehen. Australien. Afrika. Madagascar wäre cool. Vielleicht wandere ich ja aus und komme nie zurück. Bleibe einfach da, wo es mir am Besten gefällt. Wenn Du willst, kannst Du mitkommen.“  Leon schaut sie an.

Schweigen.

„Weißt Du, wir sind vor kurzem erst nach Deutschland gezogen. Mein Dad hat einen neuen Job bekommen und dann sind wir einfach umgezogen. Mich haben sie gar nicht gefragt.  Ganz schön ätzend. Ich hatte echt meine ganzen Freunde dort und jetzt kenne ich niemanden mehr. Außer Dich. Dich finde ich eigentlich ganz nett. Obwohl: Besser wäre es, wenn Du  auch mal was sagen würdest. Dann wäre es nicht so langweilig. Wenn Du willst, kann ich meine Mum fragen, ob Du mal zum Abendessen zu uns kommen darfst. Hast Du Lust?“

Leon gräbt seine Zehen in den Sand. Er ist weich und warm. Je tiefer er gräbt, umso kälter wird der Sand. Wenn er den Fuß hochhebt, rieselt der Sand auf den Boden und an seinem Bein entlang in seine Hose. Das kitzelt und fühlt sich gut an.  Ob man Gefühle wohl  auch  malen kann? Opa fragen, denkt er sich. Opa weiß das. Plötzlich setzt sich ihr linker Zeh mit dem ganzen Fuß daran in Bewegung. Der, der aus der Socke herausguckt. Schiebt sich in seine Richtung. Leon sitzt da, stocksteif. Aufgeregt. Der Fuß schiebt auf der Reise zu ihm immer mehr Sand vor sich her, ein kleiner Berg, der immer größer wird. Dazwischen ein paar kleine weiße Muscheln, die vom Berg herunter kullern.

Als der Zeh und der Berg ihn erreichen, spürt er zuerst nur Millionen winzigen Sandsteinchen auf seiner Haut. Dann etwas Warmes. Das muss die Socke sein, denkt er sich. Leon hält die Luft an. Als die warme Haut ihres Zehs ihn berührt, zuckt er ganz leicht zusammen. Die Berührung fühlt sich an, als wenn er vom Blitz getroffen würde.  Kleine Stromschläge auf seiner eigenen nackten Haut, die sich über den ganzen Körper ausbreiten. Sekundenschnell. Die Härchen auf seiner Haut richten sich auf. Ihn schaudert und er schüttelt sich leicht.

Dann ist der Moment vorbei und ihr Zeh liegt ruhig auf seinem Fuß, als ob er sich nach seiner langen Reise ausruhen müsste. Erschöpft. Müde.

Was war das, denkt sich Leon? Ob sie wohl das Gleiche gespürt hat?  Aber irgendwie traut er sich nicht zu fragen. Also sitzen sie da und schauen weiter auf`s Meer. Wie lange, weiß er nicht. Leon ist glücklich.

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