Windstill (Kapitel 3)

So fest wie es geht, tritt Leon in die Pedale. Das Fahrrad fährt sich gut, auch wenn der Wind ihm direkt ins Gesicht pustet und ihm fast seine Haare vom Kopf reißt. Wild entschlossen, nicht aufzugeben, lehnt er sich mit seinem Oberkörper gegen die steile Brise und trampelt weiter.

Hoch und runter geht es auf dem weichen Pfad, der das Vorwärtskommen noch mühseliger macht. Die bewachsenen Dünen türmen links und rechts wie stille Riesen auf und scheinen ihn verschlucken zu wollen, wenn es mit dem Fahrrad den Weg hinunter geht. Und umso mehr kämpfen muss Leon, wenn er sich von ihnen wieder lösen will und es den Weg hinaufgeht. Aber oben angekommen, hat er dann wieder freie Sicht auf das Meer und die Wellen, die hoch und stürmisch an den Strand schwappen. Die Sonne hängt steht bereits tief am Horizont. Vielleicht noch eine  Stunde, dann ist es dunkel und die zweite Inselnacht bricht an. „Juhu.“ Vor Vergnügen schreit er in den Wind.

Das Ausleihen der Räder war eine super Idee seiner Mutter. Viel besser noch als die eigene Idee mit dem Fußball. Zuerst fand er den Plan total bescheuert. Genauso hatte er sich die Ferien vorgestellt. Fahrräder ausleihen passte so richtig ins Klischee, das zu seiner Mutter passte.  Immerhin: Er hatte ein Mountain Bike bekommen. Damit fühlte er sich fast ein bisschen erwachsen. Leider mit seiner Mutter im Schlepptau. Unvermeidlich.

Doch dann hatte sie ihn überrascht.

„Du bist eigentlich groß genug, um alleine etwas zu unternehmen. Du kannst gerne das Fahrrad nehmen und die Gegend selbst erkunden.“ Mit großen Augen hatte Leon sie angestarrt. „Mach den Mund wieder zu. Du bist doch kein Baby mehr! Ich habe verstanden, dass Jungs wie Du nicht immer bei ihrer Mutter sein wollen.“ „Und wenn ich nicht mehr weiß, wo ich bin?“ Alleine zu sein war ja irgendwie cool. Aber ein bisschen Angst hatte er vor der ihm übertragenen Verantwortung doch. Immerhin war ihm die Insel doch völlig fremd.

Das Tolle an Müttern ist: Sie wissen alles über einen. Sie gucken einen an, als ob man ein offenes Buch wäre. So wie jetzt mit seiner Angst. Das hatte er nicht auszusprechen gebraucht. Sie wusste es schon, bevor er selbst es wusste. Aus der Jackentasche zauberte sie ein nagelneues Handy: „Hier. Für Dich.  Meine Nummer ist eingespeichert. Wenn Du ein Problem hast, rufst Du mich an.“

Fett, denkt Leon. Was seine Freunde wohl dazu sagen würden und grinst ein schiefes Lächeln? Mountain Bike, Handy, was wohl als nächstes kommt. Immerhin haben die Ferien gerade erst begonnen. Wieder schlängelt sich der Weg zwischen Gräsern und Sand eine Düne hinauf und Leon muss sich ins Fahrrad stellen, um den Anstieg zu bewältigen.

Oben auf der Düne angekommen, erscheint vor ihm ein roter hoher Turm. Diese Leuchttürme kannte er bis jetzt nur von Ferienkatalogen oder kitschigen Wandkalendern. In den Bergen gab es die Dinger nicht. Naja, da gab es ja auch keine Seefahrer, die sich verirren konnten. Dafür aber Bergsteiger oder Skifahrer. Deswegen standen überall die kleinen Holzhütten, auch Chalets genannt, wo man Milch trinken und Käsefondue essen kann.

Leon steigt vom Rad und betrachtet den rot-weiß-gestreiften Leuchtturm. Warum hier wohl alles gestreift ist, fragt er sich? Das kommt auf seine „Muss-ich-dringend-herausfinden“-Liste. Notiert. Doch lange kann er nicht darüber nachdenken.

Denn dort drüben sitzt jemand, direkt an der Klippe, und schaut gebannt auf das tosende Meer. Es ist ein Mädchen, vielleicht so alt wie er selbst. Sie sitzt dort, die Beine an den Körper gezogen. Ihre Hände umschlingen ihre Jeans. Sie trägt einen roten Pullover mit Kapuze, fast so rot wie der Leuchtturm neben ihr. Der Wind ist unbarmherzig und zerrt an ihrem Haar und weht es in alle Richtungen. Aber es scheint ihr nichts auszumachen.

Sie sitzt da, den Kopf auf die Knie gestützt, als ob sie ein Teil der Natur wäre, verwachsen mit dem Sand der Düne inmitten der Gräser, die sie umgeben. Neben ihr der Leuchtturm, der dasteht, als wolle er sie beschützen. Leon speichert das Bild in einem Kopf. Opa davon erzählen, denkt er, und ärgert sich, dass sein neues Handy keine Kamerafunktion hat. Leon steht eine Weile einfach nur da, unschlüssig, was er tun soll. „Lass sie“ sagt er sich. „Schnapp dein Fahrrad und hau ab.“ Aber Leon kann nicht. Seine Beine bewegen sich in Richtung Klippe. Dann ist er neben ihr und setzt sich neben sie in den Sand. Einfach so. Er sagt nichts, sondern schaut nur auf das Meer. Wie sie. Auf die Möwen, die im Flug gegen den Wind ankämpfen. Auf die tosenden Wellen, die das Meer aufwühlen. Auf ein paar einsame Surfer im Wasser. Sie sitzen da. Schweigen. Beobachten. Am Himmel neigt sich die untergehende Sonne ins Wasser.

„Ich bin oft hier. „Ich liebe die Einsamkeit hier oben. Das Meer, das sich immer von einer neuen Seite zeigt. Das Blau des Himmels.“

Leon betrachtet das Mädchen, verwundert, dass sie mit ihm spricht, obwohl es ja eigentlich das Normalste der Welt ist. Zu ihr passt es irgendwie nicht. Ihr Gesicht erinnert Leon an das einer Puppe, weich und fein. Die langen braunen Haare fallen ihr fast liebevoll ins Gesicht und über die Schultern. Ihre Wangen sind vom Wind gerötet, als ob sie stundenlang gerannt wäre. Ihre Lippen sind voll. Rot. Leuchtend. Dahinter blitzend ein paar weiße Zähne.

Leon schaut in ihre großen braunen Augen mit den langen Wimpern, in denen er sich beinahe spiegeln kann. „Ich heiße Leon“ sagt er. Und nur, um nicht mehr zu schweigen: „Willst Du mit mir Fahrrad fahren?“ „Klar“ sagt sie und mit einem Satz ist sie auf und rennt davon. Später, als er zu Hause im Bett liegt, fragt er sich, ob er das Fahrrad hätte verdammen sollen oder nicht. Denn es hat keinen Gepäckträger. Glück oder Unglück?

Leon schwingt sich auf sein Rad und zieht sie mit seinen beiden Armen vor sich auf das Rad. Der Sattel  ist ein bisschen klein für die Beiden, aber irgendwie kommen sie zurecht. Das Mädchen lacht über ihre ungeschickten Verrenkungen. Dann geht es los. Zwischen seinen Armen eingequetscht, umgreift Leon das Lenkrad und fährt los. Sein Gesicht ist direkt neben ihrem. Er fühlt die warme Haut an seiner Wange und ihre Haare wehen ihm ins Gesicht. Weil er so nichts mehr sieht, verliert er beinahe die Kontrolle über das Rad. Aber sie lacht nur und ruft „Schneller, Leon. Schneller!“ Zusammengeschweißt flitzen sie die hohe Düne hinunter und den Weg entlang. Leon strampelt sich die Seele aus dem Leib während er seinen Körper an dem ihren fühlt. Ungewohnt. Aufregend.

Seine Arme schließen sich um ihre Arme. Die Innenseite seiner Oberschenkel reiben sich durch das treten der Pedale hart an dem Jeansstoff ihrer Hose. Seine Brust ist an ihren Rücken angelehnt. Beschützend. Ungewohnt. Aufregend.

Ihre beiden Hände umfassen die Mitte des Lenkrads. Sie hat kleine zierliche Finger mit weichen Rundungen. Nicht so eckig wie er selbst. Er vergräbt sein Gesicht in ihrem Haar und bemerkt einen Duft, der anders ist als der seiner Mutter. Aber er mag ihn. Er atmet ihn ein, immer wieder. Versucht, ihn zu speichern. Wenn er sich bemüht, könnte er den Duft vielleicht irgendwann malen, aus den verschiedenen Farbaromen zusammenmischen.

„Wie heißt Du eigentlich?“ fragt Leon. Aber ihre Antwort verschluckt der Wind. Oder hat er sich nur eingebildet, dass sie geantwortet hat? Dann sind sie da. Mit einem Finger zeigt das Mädchen auf einen Weg, an dessen Ende ein kleines weißes Häuschen liegt. Eines mit Reetdach und zwei vom Wind entstellten verknorpelten Bäumen davor. Und mit rosa blühenden Rosen, die sich an Haustüre und Dach ranken.

Das Mädchen springt vom Fahrrad und rennt den Weg hinunter.

„Sehen wir uns wieder?“ ruft Leon. Aber ohne sich noch einmal umzudrehen, rennt sie weiter.

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