Windstill (Kapitel 2)

Das kleine Zimmer befindet sich oben im Haus. Im Grunde ist es kein Zimmer, sondern nur das ausgebaute Dachgeschoss des kleinen Ferienhäuschens, so ganz ohne Türen und Fenster zum Rausgucken. Von wegen „mit Blick auf das Meer“, denkt sich Leon. Mit geschlossenen Augen liegt er im Bett und horcht, ob er den Wind hören kann. Aber es ist alles ganz still. Beinahe zu still. Oben, zwischen die Dachschrägen und wo eigentlich ein Kamin hingehört hätte, hat man ein kleines Fenster eingebaut, um ein bisschen Licht ins Zimmer zu bringen. Leon öffnet die Augen und schaut hinaus. Da ist er wieder, dieser blaue Himmel. Noch blauer, als die Augen seiner Mutter. Wenn er jetzt im Zimmer ein Feuer machen würde, könnte er an seine Freunde Rauchzeichen senden. Damit sie wüssten, dass er hier auf dieser Insel ist, inmitten von Wasser und Sand, und dass sie nicht vergeblich auf ihn warten sollen. Denn er wird nicht kommen. Nicht in diesen Ferien.

Er reibt sich ein letztes Mal die Augen und schleppt sich nach unten ins Haus. Vage kann er sich an gestern Abend erinnern. Sie hatten nach dem Autozug noch in einem Restaurant Rast gemacht, um etwas zu essen. Fisch. Klar, hatte Leon gedacht: Wo sie viel Wasser ist, muss es auch Fisch geben. Das war so ähnlich wie in seinem früheren Leben. Da gab es Milch von den Kühen auf der Weide. Ganz frisch. Lecker. Das schmeckte nach Zuhause. Komisch hatte er allerdings gefunden, als der Kellner ihm erklärt hatte, dass der Fisch nicht hier in der See gefangen wurde, sondern von weit weg kam und in gekühlten LKWs hierhin gebracht wurde. Irgendwie komisch, fand er, aber war da schon zu müde, sich darüber Gedanken zu machen. Vom Meer hatte er am Abend nichts mehr gesehen. Zu dunkel war es, als sie ihr Ferienhaus erreichten.

Seine Mutter sitzt draußen im Garten, in einem Strandkorb, der blau-weiß gestreift ist, und zwischen einigen saftig grünen Bäumen steht. Einen Kaffee in der einen, ein Buch in der anderen Hand. Wenn man seine Mutter fragen würde, was sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, könnte es sein, dass er dabei leer ausgehen würde, denkt sich Leon und das macht ihm, ehrlich gesagt, ein bisschen Angst.

Wenn es zwei Dinge gibt, ohne die seine Mutter nicht leben kann, dann sind es der Kaffee und ihre Bücher. Er kann sich nicht erinnern, in einem Haus jemals so viele Bücher gesehen zu haben, wie in ihrem. Außer vielleicht in der Stadtbücherei, aber das zählt ja nicht. Manchmal geht er mit einem Finger an den vielen Büchern entlang und versucht, ihre Titel zu entziffern. Aber meistens schaut er sich einfach nur die Bilder und Fotos auf dem Einband an. Papa sagt, dass Mama alles liest, was man ihr hinlegt. Aber das stimmt nicht.

Manchmal fragt er sie, mit ihr seine Tim und Struppi-Comics zu lesen. Aber dann sagt sie nur: „Frag Deinen Vater. Das ist ein Papa-Buch.“ „Was steht denn in Deinen Mama-Büchern?“ hat er sie einmal gefragt. „Das ist nichts für Jungens wie Dich. “ Und Papa hat nur geschmunzelt. Also ist das, was in den Büchern steht, ein Geheimnis. Wenn er irgendwann lesen kann, muss er dringend eins der Mama-Bücher lesen.

„Guten Morgen, Leon. Na, Du bist aber ein Langschläfer heute!“, ruft ihm seine Mutter zu. Erst einmal kuscheln. Er setzt sich auf ihren Schoß und lehnt sich an sie. Kein Parfum, noch nicht. Gut.

Die Morgensonne scheint ihm auf den Rücken und er kuschelt sich mit ihr in den Strandkorb, der sie vor dem leichten Wind schützt.

„Wann kommt denn der Max?“ Seine Mutter fährt ihm durch die Haare: „Das habe ich Dir doch schon gesagt, übermorgen.“

Leon denkt angestrengt nach. Diese Geschichte wieder. Wer hat sich das nur mit diesen Tagen und Wochen ausgedacht? Stunden sind noch schlimmer und das kann sich kein Mensch merken. „Einmal schlafen, bis Max da ist?“ „Nein, Leon, zweimal. Wir haben zwei Tage ganz für uns allein, in denen wir etwas unternehmen können.“

Zwei Tage alleine mit seiner Mutter. Super.

Das heisst im Klartext: Langeweile pur. Spaziergehen, in irgendwelchen Souvenir-Läden abhängen, wo sie für alle Leute etwas kauft, nur für ihn nicht. Postkarten schreiben, die er auch noch alle unterschreiben muss. Hätte er doch bloss seinen Gameboy mitnehmen dürfen.

Mama streichelt ihm über den Rücken. „Bist Du bereit für das Meer? Es ist ganz hier in der Nähe, man kann es sogar riechen.“ Leon reckt die Nase in die Luft und schnüffelt. Aber ausser dem Kaffee seiner Mutter riecht er nichts. „Na, steh doch mal auf und schau Dich um!“

Mit leichtem Druck schiebt sie ihn von ihrem Schoss.

Leon schaut sich um. Er sieht nichts außer einem kleinen Garten mit den vielen blühenden Büschen und Bäumen. Eigentlich ganz schön. Vielleicht gibt es hier ja irgendwo einen Fußball. Dann kann er in den nächsten Tagen ein bisschen mit Max kicken. Und zwei Tage hätte er noch Zeit, um zu trainieren. Max ist ganz schön gut beim Fussball.

„Leon, sollen wir beim Bäcker ein paar Brötchen kaufen?“. Brötchen sind gut. Croissants noch besser. Und vielleicht findet er auf dem Weg ja ein Geschäft, wo seine Mutter für ihn einen Ball kaufen könnte. „Klar, gute Idee.“ „Komm, wir können durch das Gartentörchen dort gehen. Hierum ist der Weg kürzer.“

Sie läuft auf ihn zu und nimmt ihn an die Hand.

„Mama?“ „Ja, Leon?“ „Du lässt mich nicht alleine, oder?“ Seine Mutter schaut ihn an. „Wieso sollte ich Dich denn alleine lassen?“ „Ja …. Ich fühle mich halt so alleine, ohne Bernadette, Livio und Leonard. Die sind alle so weit weg. Und die haben bestimmt ganz viel Spass, auch ohne mich. Und ich, ich weiß gar nicht, was ich anfangen soll. “

„Leon. Wir sind doch ein Team, oder? Wir halten zusammen und ich lasse Dich nicht im Stich. So lange, wie Du mich brauchst, bin ich für Dich da.“ „Für immer!“ sagt Leon. Sehr überzeugt. Für immer klingt gut. Super. Mama lächelt ihn an. „Okay. Wenn Du willst, dann für immer.“

Ihre weichen Arme umarmen ihn und drücken sich ganz fest an ihn. Mamas sind etwas ganz Tolles, denkt Leon. Sie sind lieb, wunderschön und immer für einen da. Leon wird es ganz warm bei dem Gedanken und er fühlt sich spitze. „Na was meinst Du, Leon: Können wir jetzt? Sonst hat der Bäcker nämlich unsere Brötchen an andere Inselbesucher verkauft.“

Leon rennt zum eisernen Gartentor, das etwas aus den Scharnieren hängt. Mit einem Ruck stößt er es auf und rennt nach draußen den sandigen Weg entlang.

Dort vorne geht es einen kleinen Hügel hinauf. Er kann nicht sehen, was dahinter ist. Aber es macht ihn neugierig. Also weiter. Vielleicht sieht man den Bäckersladen von dort aus schon. Der Sand unter seinen Füssen wird immer weicher und weißer. Je mehr er sich anstrengt zu rennen, desto langsamer scheint er zu werden. Seine Füsse versinken fast etwas im Sand. „Leon, komm zurück. Du rennst in die falsche Richtung!“

Aber Leon hört seine Mutter nicht. Dann kommt ein bisschen Wind auf und bläst ihm die Haare durchs Gesicht, so dass sie ihn an der Nase kitzeln, und gräbt sich unter sein T-Shirt, so dass es sich dick aufbläst. Leon bleibt stehen und hält sein Gesicht in den Wind. Das muss der Wind sein, von dem alle gesprochen haben, denkt sich Leon. Und er meint, dass es ein freundlicher Wind ist. Nicht so einer, wie man ihn von zu Hause kennt und wo man immer ins Haus muss, um sich nicht zu erkälten. Dieser Wind scheint hier zu wohnen und nur spielen zu wollen.

„Hallo Wind“, ruft er. „Ich heiße Leon und komme dich besuchen.“

Aber der Wind antwortet nicht. Leon rennt weiter.

Endlich ist er oben auf dem Hügel. Außer Puste lässt er sich in den weichen Sand fallen. Seine Hände berühren den von der Sonne aufgewärmten Sand, der einem durch die Finger rieselt, wen man ihn aufhebt.

Dann schaut Leon auf.

Ihm stockt der Atem, als er das Meer und den blauen Himmel sieht, der sich wolkenlos an das dunklere Blau des Wassers anschließt. Opa müsste hier sein, denkt Leon. Opa könnte es malen. So viel Blau. Soviel schönes Blau. Soviel auf einmal davon. Besser als jede Farbmischung in seinem eigenen Malkasten. In dem Blau kann man versinken, denkt er. Und plötzlich fühlt er sich ganz schwerelos und frei und glücklich. Und er kann an nichts Anderes mehr denken, als daran, noch nie etwas so Schönes gesehen zu haben.

Zwei Hände umschließen ihn und da fühlt er das Gesicht seiner Mutter ganz nah an dem eigenen.

„Mama, das Blau, es ist so schön.“ „Ja, Leon. Ich weiß. So schön ist es.“

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