Windstill (Kapitel 1)

Leon sitzt im Auto.

Gedankenverloren schaut er aus dem Fenster. Bäume, Häuser und grüne Wiesen rasen an ihm vorbei. Der Himmel hat hier eine Farbe, wie er ihn zu Hause noch nie gesehen hat. Ein Azurblau, für das er mit seinem Malkasten lange mischen müsste, um die Farbe zu finden. „Ich muss Opa danach fragen“, denkt er sich. „Opa ist Spezialist im Farbenmischen, ein richtiger Künstler.“

Die Ferien werden anders, als er erwartet hat. Das Meer wartet auf ihn, irgendwo ganz im Norden. Sie fahren ihr Auto auf einen Zug, der sie auf eine Insel bringt, wo das Wasser sie von allen Seiten umschließen wird. Es werden Ferien mit großen und ungestümen Wellen, die das Meer ans Land spült. Muscheln in allen Formen und Farben, die man am Strand suchen und als Erinnerung in einem Glas mit nach Hause nehmen kann. So viel Sand, dass man große Sandburgen bauen kann. Und Wind, der einem die Mütze von den Ohren bläst, wenn man nicht gut aufpasst. „Alle Kinder lieben diese Ferien“, hatten seine Eltern gesagt.

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Seine Wunschferien hatte er sich anders vorgestellt. Er wollte dahin, wo die großen Berge stehen, wo der See ist und wo die Sonne immer ein bisschen wärmer ist als anderswo. Wo die Kühe große Glocken tragen, damit der Bauer sie findet, wenn sie sich auf den Feldern verirren. Wo man sich einfach überall ins Gras werfen und in den Himmel gucken kann. Mit seinen Freunden. Zumindest waren das seine Freunde, bevor sie umgezogen waren. Papa, Mama, Julius und er. Eigentlich weiß er gar nicht, ob es noch seine Freunde sind. Mama und Papa sagen, dass echte Freundschaften das ganze Leben halten. Aber seitdem der Umzugswagen kam und ihre Möbel in ein anderes Land gebracht hat, hat seine Freunde nicht mehr gesehen. Er fragt sich, ob er sie jemals wiedersehen wird.

Mama hat gesagt, dass man das Meer von ihrem Ferienhaus aus sehen kann. Es liegt versteckt hinter einer großen Düne, wo der Wind abends ums Haus bläst und man die Fenster knarren hört, wenn man ganz still im Bett liegt. Das wird er überprüfen müssen. Mama hat versprochen, dass es ihm gefallen wird. Dass er dort die vielleicht schönsten Ferien in seinem Leben verbringen wird. Mit ihr, seinem kleinen Cousin und seiner Tante. Zwei Frauen und zwei Jungens. Zwei Wochen lang auf einer Insel. Es könnte die längste Zeit seines Lebens werden. Sogar den Gameboy musste er Zuhause lassen.

Er soll auf andere Gedanken kommen, meint Mama. „Er denkt zu viel an sein früheres Leben. Das tut ihm nicht gut“, hat sie letztens zu Papa gesagt. Sie haben gedacht, er hätte es nicht gehört, aber er hat jedes Wort verstanden. Warum ist es eigentlich so schlimm, an seine Freunde und an seine Schule in seiner Heimat zu denken. Vor den Jungen in dem neuen Land hat er ein bisschen Angst. Das würde er allerdings nie zugeben.

Wenn er abends im Bett liegt und nicht einschlafen kann, weil er Angst vorm nächsten Morgen hat, denkt er einfach an seine alten Freunde und dann fühlt er sich plötzlich gut und nicht mehr ganz so allein. Und dann ist alles ein bisschen besser.

„Hey Leon! Alles klar bei Dir? “ Seine Mutter dreht sich vom Fahrersitz aus zu ihm um. Mit ihren großen runden Augen schaut sie ihn fragend an. Augen, die manchmal blau, manchmal grün sind, je nachdem wie das Licht fällt. Oder, in welcher Stimmung sie ist. Ihre Augen verraten sie, egal, wie gut sie sich verstellt. Er mag es lieber, wenn sie grün schimmern. Dann geht es ihr gut. Das denkt er sich zumindest. Die Leute sagen, dass er die gleichen Augen wie sie hat. Strahlend, lachend, das Leben einladend. Und dass er sich deswegen glücklich  schätzen kann.

Aber seitdem der Umzugswagen gekommen ist und sie an einen neuen Ort gebracht hat, schimmern ihre Augen nicht mehr so grün. Ihr weicher Mund lacht und sagt nette Dinge, aber wenn sie ihn abends in den Arm nimmt und zum Einschlafen ein Lied singt, dann denkt er, dass sie eine schlechte Schauspielerin ist. Ihre Augen, die sich mit ein paar Tränen füllen, verraten sie. Und trotz der Dunkelheit im Zimmer weiss er dann, dass sie dann blau und nicht grün sind. Trotzdem liebt er es, sich an sie zu schmusen, seinen Kopf an ihren Busen zu legen. Irgendwie ist das ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, dass ihn weniger alleine sein lässt. Manchmal, wenn er glaubt, dass sie es nicht bemerkt, tastet er mit seiner Hand nach ihrem Busen, wartet auf ihre Reaktion. Er liebt die weichen Rundungen ihres Körpers, in die man versinken könnte.

Er findet auch, dass sie unglaublich riecht. Meistens benutzt sie irgendein Parfüm, dass Papa ihr von einer Geschäftsreise  mitbringt. Papa hat einen guten Geschmack, was die Auswahl des richtigen Duftes angeht. Er weiss, was zu ihr passt. Aber Leon liebt es, wenn sie einfach nur nach sich selbst riecht. Wenn er ihren Duft einatmet, weiß er, dass er zu Hause ist.

„Hey Großer, wir sind bald da. Du wirst sehen: Wir haben eine super Zeit zusammen. Versprochen!“  Soll er ihr erklären, dass er diesen Urlaub für eine total bescheuerte Idee hält? Dass er Sehnsucht hat nach den Bergen hat, dem See, wo sie jeden Tag im Sommer gebadet haben. Den grünen Wiesen mit den Pusteblumen, die er zusammen mit seinen Freunden in den Himmel geschickt hat?  Aber sie hat sich so viel Mühe mit der Planung gemacht. Hat Stunden nach einem schönen Häuschen für sie gesucht. Mit einem kleinen Garten, in dem man sich gemütlich in einen Strandkorb flegeln kann, um die Ausbeute der letzten Muschelsuche zu betrachten. Er will sie nicht enttäuschen.

Erst einmal ankommen. Am Himmel haben sich ein paar Wolken gebildet. Gedankenverloren schaut er aus dem Fenster und sieht zu, wie sich das Grün der Wiesen gegen das Blau des Wassers tauscht…

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