Tag 1 an der Schule für Lernhilfe: Über Smileys, Merkfähigkeit und ulkige Vornamen

Gestern war also der erste Probeschultag vom Sohnemann in der Förderschule für Lernhilfe und geistige Entwicklung. Zwischendurch will ich in der kommenden Zeit ein wenig berichten, was meine Beobachtungen sind, meine Erfahrungen mit einer Schulform, von der ich Positives wie Negatives gehört habe, und wie dort gearbeitet wird.


Der Sohnemann ist ganz schön aufgeregt, als es am Morgen zur neuen Schule geht. Zum Glück ist sie gegenüber der letzten Hörbehindertenschule nur 5 Minuten Autofahrt entfernt. Das heißt für uns alle: Später aufstehen. Denn nun steht kein Bus um 7:15 Uhr vor der Türe, um den Sohn abzuholen. Sondern ich fahre ihn um 7:45 Uhr selbst zur Schule.

Am Schulgebäude angekommen, herrscht schon ein reges Treiben auf dem Pausenhof. Unsicher steht der Sohnemann da und weiß nicht so recht, was er nun mit sich anfangen soll. Immerhin bin ich ja noch da. Plötzlich kommt ein gleichaltriges Mädchen freudestrahlend auf ihn zu: „Wow – da bist Du ja endlich. Du bist wieder da!“ Da freut sich jemand richtig darüber, dass Ben hier zur Schule geht. Der Sohnemann strahlt und ich bin abgemeldet.

Ich schaue mich derweil im Betreuungsraum um, in dem vielleicht 25 Kinder zwischen 7:15 Uhr und 8:00 Uhr morgens betreut werden. Ein Blick auf die anwesende Betreuerin sagt mir: Puh, unsere Stadt ist ganz schön klein. Ich kenne hier etliche Lehrer(innen) aus dem Freundeskreis, Kollegenkreisen meines Mannes, von diversen Partys.

Eine Junge kommt auf mich zu, gibt mir freundlich die Hand. „Guten Tag, ich bin Harald“, sagt er und ich denke, Du heißt alles, nur nicht Harald. Aber egal… Er erzählt mir, dass er im Sommer mit der 9. Klasse fertig ist und dann die Schule verlässt. „Wir passen auf Ihren Sohn auf. Wenn er will, nehmen wir ihn demnächst mit zum Bahnhof, damit er alleine nach Hause laufen kann.“ Es ist nett und ganz anders als ich mir so vorgestellt hatte. Obwohl ich mir schon vorstellen kann, dass es hier zuweilen ganz schön rau zugehen wird. Ein kleines Mädchen huscht an mir vorbei, die auch schon auf der Suche nach Ben ist, und sich direkt mit ihm am Nachmittag verabreden will.

Hausaufgaben zum Training der Merkfähigkeit

Ich werde hier nicht mehr gebraucht und verschwinde nach Hause. Nach einem arbeitsreichen Morgen stehe ich um kurz vor 13 Uhr wieder an der Schule, um ihn abzuholen. Ein wirklicher Wehrmutstropfen für mich: Die Schulzeiten werden unweigerlich meine Arbeitszeiten kollabieren. Denn jeder Schultag ist spätestens um 13 Uhr zu Ende, freitags sogar um 11 Uhr. Und dann kommen noch die Hausaufgaben. Da ist man als berufstätige Mutter mit einer Ganztagsschule besser dran. Zwar gibt es hier auch eine Art Hausaufgabenbetreuung. Aber wir haben den Sohnemann ja deswegen auf eine andere Schule gegeben, um den Druck von ihm zu nehmen. Egal, wir schauen, wie es wird.

Zu Hause backe ich Pizza während die Kinder eine Pause machen und dann stehen zum ersten Mal die Hausaufgaben an. In der Schulgruppe werden die Klassen 3,4 und 5 gemeinsam beschult und je nach Stärke unterrichtet. 12 Kinder befinden sich aktuell in der Klasse. Und unser Sohn wird in Klasse 4 eingestuft – eine Klasse höher als auf der letzten Schule, eine Klasse niedriger als in der normalen Grundschule. Aber die Übergänge sind eh fließend und hängen von den Leistungen der Schüler ab. Rund zwei Jahre später lernen die Schüler hier den Schulstoff verglichen mit der regulären Klasse, erzählte mir die Klassenlehrerin. Für den Sohn heißt das: Unterrichtsstoff aus Klasse 2-3. Sollte zu schaffen sein.

Smileys sollen im Klassenraum helfen, die Stimmung des Tages auszudrücken.

Der Sohnemann muss einen Steckbrief über sich machen (das ist einfach) und eine Smiley-Leiste anmalen (das auch). Die wird später an seinem Tisch im Klassenraum befestigt. Jeden Morgen dürfen die Schüler mit einer Klammer einen der Smileys markieren und so zeigen, wie es ihnen geht. Das finde ich richtig gut. Denn so kann die Lehrerin einschätzen, was sie von den Schülern am Tag erwarten kann. Und weil viele Kinder hier sozio-emotionale Probleme haben, helfen solche Piktogramme, sich zu artikulieren.

Dann kommen die Hausaufgaben im Fach Deutsch und ich sehe zum ersten Mal, wie unterschiedlich Schulen arbeiten. Fast alle Kinder an der Lernhilfeschule haben Probleme mit Konzentration und Merkfähigkeit, genauso wie unser Sohn. Und genau das trainieren die Hausaufgaben in Deutsch. Die Schüler sollen ganz einfache kurze Sätze lesen, verstehen und abschreiben. Klingt einfach? Die Herausforderung liegt darin, dass sie sich jeweils einen Satz merken müssen, um ihn dann auf der nächsten umgeschlagenen Seite aufzuschreiben. Unser Sohn braucht für diese Aufgabe fast eine Stunde. Denn immer wieder gehen ihm die Sätze beim Umschlagen der Seiten verloren. Trotzdem: Ein tolles Training für die Merkfähigkeit.

Übungen zum Training des Zwischenspeichers im Gehirn.

Der Tag geht mit normalen Alltagsdingen weiter und zu Ende. Alles in allem: Ein guter Tag. Davon haben wir hoffentlich noch viel mehr.

Dein Kommentar? Gerne hier!