Super Mums – ein kritisches Plädoyer an uns selbst

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Damit das geht, funktioniert unser Leben wie ein Uhrwerk. In unserer Küche hängt ein Wochenplan: ein Vater, eine Mutter, zwei Kinder. Darin eingetragen: Wichtige Geschäftstermine. Dienstreisen. Klassenarbeiten. Therapiestunden. Fußballspiele, Treffen mit Freunden, Arzttermine, Urlaube, Verabredungen, Geburtstage. Damit es nicht unübersichtlich wird, bekommt jedes Familienmitglied eine eigene Spalte im Plan. Da wird reingekritzelt, ausradiert, durchgestrichen, Fragezeichen und Ausrufezeichen gesetzt, posted notes angeklebt, Aufgaben zugewiesen. Reichen tut der Platz trotzdem nicht. Und weil das Woche für Woche zur völligen Unübersichtlichkeit ausartet, machen wenigstens wir Mütter immer gute Laune, um allen zu versichern: Wir haben das im Griff! Wir sind ja die Super Mums!

Tatsächlich: alles kein Problem. Solange sich jeder an die kleinen Regeln des Alltags hält.
So werden morgens ab 6 Uhr vier Menschen geweckt, geduscht und gewaschen, ausgehbereit gemacht.
Hemden oder Röcke gebügelt.
Socken in der Sockenkiste gesucht.
Betten wegen Unfällen abgezogen und die Waschmaschine angestellt.
Zuvor die Waschmaschine erst einmal vom Vortag ausgeräumt. (Auch der Trockner läuft schon seit 2 Tagen.)
Frühstück vorbereitet, natürlich mit Obst wegen der gesunden Ernährung.
Brote und Getränke für die Schule vorbereitet.
Auf diverse Befindlichkeiten geachtet („Ich mag keine Butter.“ Ich will keinen Käse – der stinkt!“ Ich will heute warmen Tee mit in die Schule nehmen.“).
Klassenarbeiten unterschrieben.
Mit dem Vater diskutiert, ob man es hinnehmen kann, dass der Matheunterricht schon zum xten Mal ausfällt.
Die Postmappe aus der Schule wegen wichtiger Notizen kontrolliert („Mist, morgen fällt die Schule wegen einer Fortbildung mal wieder spontan aus.“).
Kind 2 beschwichtigt, das mal wieder nicht in den Schulbus steigen will.
Mit Kind 1 diskutiert, ob es in der Schule mittags essen muss oder nicht.
Mit Kind 2 weiterdiskutiert, dass eine Jacke und Mütze angezogen werden muss, weil es draußen sonst zu kalt ist.
Den weiteren Tagesablauf mit den Kindern besprochen.
Notizzettel für die Kinderfrau am Nachmittag geschrieben.
Geld für diverse Aktionen am Nachmittag rausgelegt („Schatz, warst Du eigentlich gestern noch bei der Bank?“).
Kind 2 hat Halsweh? Schnell ein paar Halsbonbons eingeworfen und beschwichtigt, dass es nicht so schlimm sei.

Daneben sehen wir aus dem Augenwinkel, dass unser privates Smartphone immer wieder aufblinkt. Und irgendwann greifen wir es uns und fangen auch noch dort an, Nachrichten zu lesen. Von der Putzfrau, die gleich dringend noch diverse Putzmittel benötigt, von der Babysitterin am Abend, von deinen eigenen Eltern, die Dir versuchen mitzuteilen, dass es deinem Vater nicht gut geht.

Dann alle Familienmitglieder rauswerfen. Darauf achten, dass Du jedem versicherst, ihn zu lieben und ihm einen guten Tag zu wünschen. Den Hund rausnehmen. Den Hund füttern. Dich selbst auf einen Arbeitstag vorbereiten, der daraus besteht, dass ein Meeting das nächste jagt und du kaum Zeit haben wirst, auf die Toilette zu gehen. Ins Auto steigen und 40 Minuten zur Arbeit fahren. Und dabei versuchen, nicht wegen des Verkehrs aggressiv zu werden…..

Seit dem Aufstehen sind nur 1,5 Stunden vergangen. Wir schreiben 7:30 Uhr und der Tag hat noch nicht einmal richtig begonnen. Eine Ausnahme? Mitnichten. So sieht unser normaler Tag aus. Tag für Tag. Woche für Woche.
Aber was ist, wenn das Uhrwerk aus dem Tritt gerät? Jemand wird krank, die Heizung ist kaputt, die Schule fällt aus, der Babysitter kann nicht kommen, der Partner muss trotzdem auf Geschäftsreise. Dann bricht unser Räderwerk zusammen und Du versucht, mühselig die Puzzleteile wieder ineinanderzufügen. Und fragst Dich, warum Du in letzter Zeit so blass um die Nase bist. Und dann fühlst Du dich noch schlechter, weil Dir alle Welt suggeriert, dass alle anderen berufstätigen Frauen es auch hinbekommen und ihr Leben so viel besser im Griff haben als Du selbst. Und Du Dich schämst, weil alle Alleinerziehenden nicht einmal das Back-up Partner haben.

Wir sind die Frauen der ersten Generation. Die, die studiert haben. Die, die Karriere machen wollten. Die, die auch Kinder haben wollten. Und die, die versuchen wollten, dass Gleichberechtigung heute nicht nur ein Zauberwort bleibt, sondern gelebte Realität. Wir sind die perfekt gelebte Illusion. Wir erscheinen auf der Arbeit, so, als gäbe es morgens nicht die umgestürzten Kakaos, nicht die weinenden Kinder und die dreckigen Schuhe vom letzten Fußballturnier, wo man nicht mehr die Zeit fand, seine Business-Schuhe zu wechseln.

Sollte denn die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wirklich auf Dauer eine Sackgasse sein? Wenn es nach Politik und Arbeitgebern geht, suggeriert man uns, dass es genau das nicht sei. Dass wir diese Schere meistern könnten, alles nur eine Frage der Organisation sei. Und die Gesellschaft uns arbeitende Mütter braucht – und die arbeitenden Väter. Wir Teilzeitmodelle an die Hand bekommen, die beiden berufstätigen Eltern helfen und in den Unternehmen der heutigen Zeit mitgetragen werden, auch und vor allem für Frauen mit beruflichen Ambitionen. Frauenquote inklusive. Warum regelt die Politik nicht erst einmal das soziale Grundgefüge für berufstätige Väter und Mütter? Dann könnten wir auch über eine Frauenquote sprechen, die gleichberechtigt wirkt und nicht nur kinderlose Frauen zu den neuen Männern macht.

Meine schönste Erinnerung an meine eigene Kindheit? Wenn ich nach der Schule nach Hause kam, ich an der Türe klingelte und meine Mutter mir aufmachte. Dann saßen wir zusammen am Mittagstisch und meine Schwester und ich erzählten vom Tag. Das war für mich Quality Time. Und es hat mich darin gestärkt, die Familie als Wert anzusehen, der einen auch dann noch trägt, wenn alles Andere nicht mehr funktioniert. 30 Jahre weiter kommt Kind 1 aus der Schule und macht sich selbst die Türe auf. Zu Hause ist niemand. Mama und Papa sind auf der Arbeit. Der Bruder auf der Ganztagsschule. Dann nimmt sich also Kind 1 einen Jogurt aus dem Kühlschrank und haut sich vors Fernsehen, um Sky Sport zu schauen. Danach Hausaufgaben – auch alleine. Und drei Stunden später kommt die Mutter endlich von der Arbeit. Um sich dann den häuslichen Arbeiten zu widmen: Taxifahrten für die Kinder, Wäsche, Orga-Kram. Abends Elternabende und wieder Babysitter. Und irgendwie weiterarbeiten. Denn die Welt von Beruf und Privatem verschwimmt immer.

Was wäre aber die Antwort für uns berufstätige Mütter? Am Ende wäre der Mut zur Ehrlichkeit ein erster Schritt. Ehrlichkeit, dass wir nicht perfekt sein können. Ehrlichkeit darüber, nicht perfekt sein zu müssen. Und Ehrlichkeit darüber, auch mal erschöpft sein zu dürfen und sich die Pause zu nehmen, die der Körper braucht. Solange wir das nicht können, können wir nicht über uns selbst schmunzeln und von unserem Gegenüber nicht erwarten, dass sie uns als das Wertschätzen, was wir sind: Kleine Multifunktionsbetriebe.

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