Let them know it’s Christmas Time: Englische Weihnachten, oder was?

Wir schreiben den 4. Advent 2015. Eigentlich sollten wir heute Abend schon in unserem Zwischenstopp im belgischen Brügge sitzen – oder auf dem dortigen Weihnachtsmarkt einen zuckersüßen Glühwein trinken. Auf dem Weg nach England. Zum Weihnachtsfest mit der englischen Familie. Jetzt sitzen wir zu Hause: mit gepackten Koffern, Tüten voller Geschenke und Christstollen – und einem kranken Kind und warten auf Besserung. Die Hoffnung stirbt zuletzt oder wie war das noch gleich?

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Weil ich nichts Besseres zu tun habe und der Mann „The Englisch Sportsman oft the Year“ schaut – natürlich auf BBC, packe ich nochmal meinen alten Text aus, der ein bisschen von der englischen Weihnacht erzählt, falls es euch je in den Sinn kommen könnte, dass Menschen aus anderen Ländern anders als wir Weihnachten feiern. Eigentlich unglaublich, oder?

12,5 Jahre sind wir mittlerweile verheiratet: Der englische Ehemann und ich. Dass das so lange halten würde – zwischen zwei so unterschiedlichen Nationalitäten – wer hätte das gedacht. Er: stolze englische Nationalität, Middle Class, Privatschulausbildung und leidenschaftlicher Arsenal- und Cricket-Fan. Ich: aus bodenständiger niederrheinischer Familie, deutsch wie man deutsch sein kann, ehrlich und direkt, überhaupt KEIN Fußball-Fan und nur mäßig begeisterte Sportlerin.

Bevor ich vor 15 Jahren in die englische Kultur eintauchte – und das mit Englischkenntnissen, die mein Lehrer in Klasse 5 als „völlig hoffnungslos“ bezeichnete, kannte ich Lady Diana, „Dinner for one“ aus dem deutschen ARD und die Pet Shop Boys. Damit waren so fast meine Kenntnisse über das Inselland ausgeschöpft. England: Das war für mich das erzkonservative Land in Europa, dessen Kultur im 14. Jahrhundert stehen geblieben war: Rosamunde Pilcher prägt eben.

Heute habe ich das Land lieben gelernt und muss doch oft über die Unterschiede zwischen deutsch und englisch schmunzeln. Ich könnte von Tausenden von Dingen schreiben, aber ich konzentriere mich auf die drei Themen, die sich ein Deutscher vermutlich am wenigsten vorstellen könnte: Weihnachtskarten aus England, der traditionelle Christmas Cake und die weihnachtliche Tea Time. Let’s start then!

Let them know it’s Christmas Time: Christmas Cards

Fangen wir mal mit dem Thema „Weihnachtskarten“ an. Denn das ist etwas, das uns seit Mitte November bis kurz vorm Fest beschäftigt.

Karten. Analog. Per Post geschickt. Ich sehe, wie die GenY mich anschaut wie jemand vom anderen Stern. So etwas wie analoge Post macht für viele von Euch in der heutigen Zeit keinen Sinn mehr? Geburtstags- oder Weihnachtsgrüße kommen mit Unterstützung von Herrn Zuckerberg quasi automatisiert in die verschiedenen digitalen Pinnwände wie Facebook und Whatsapp geflossen? I know! Aber nicht so bei den englischen Zeitgenossen. Weihnachtskarten ist in England nach wie vor so etwas wie ein Wettbewerb wie um die meisten Follower auf Instagram. Wer bekommt und verschickt die meisten Karten? Und wer verschickt seine Karten zuerst? Ich kann schon einmal auflösen: Wir nicht! Auch wenn die Familie vom Ehemann höchstpersönlich dazu jeden Morgen dazu quasi gezwungen wird, mit eigenem Namen jede Karte zu unterschreiben, JEDE. Geschummelt wird nicht.

In der Weihnachtzeit müssen in England wohl Millionen von Karten verschickt werden –an Menschen, die man gerne hat, oder die man irgendwann einmal gerne hatte, oder deren Adresse immerhin noch im (analogen!) Adressbuch vor sich hin dümpelt. Wir haben es mittlerweile geschafft, die Anzahl der Karten von rund 100 auf 30 zu reduzieren. Das ist für englische Verhältnisse eigentlich nicht mehr angemessen. But so what!

Christmascard

An jeder Ecke, in jedem Shop lassen sich in Großbritannien Tausende von Kartenmotiven finden: Ein vorgedrucktes „We wish you a Merry Christmas“ in der Karte hilft, so viele Karten wie es geht, in möglichst kurzer Zeit zu schreiben. Nur unterschreiben muss der Absender seine Post selbst. Die Karten hängen quer durchs Wohnzimmer, verzieren Fensterbänke und den Kaminsims oder werden dekorativ am Weihnachtsbaum aufgestellt. Bei manchen englischen Zeitgenossen mit besonders vielen Followern braucht es da gute Konzepte, um die Karten strategisch zu verteilen. Zum Beispiel meine Schwiegereltern: Die Karten der engsten Familienangehörigen dürfen auf dem Kaminsims direkt ins Wohnzimmer. Wenn man da gelandet ist, ist es mit der elterlichen Beziehung noch nicht zu spät. Ansonsten landet die Karte im 1. OG, Fernsehzimmer oder Küche.

Manche Absender machen sich besondere Mühe und schicken einen sogenannten „Christmas Letter“ – das ist so etwas wie ein Familien-Newsletter, zusammen mit der Weihnachtskarte. Da wird zum Besten gegeben, dass der Onkel im letzten Jahr geheiratet und die Tochter sich einen Hund zugelegt hat, die Enkelin jetzt schon die 3. Schulklasse besucht und man im Urlaub in Cornwall war – gefühlt ganz weit weg also. Insgesamt also Nachrichten, die unheimlich unter den Nägeln brennen.

Christmas Cake: The one and only

Kommen wir zum kulinarischen Teil: Da ist zum Beispiel der englische Christmas Cake , der zu allen möglichen und unmöglichen Feierlichkeiten, vor allem aber am 1. Weihnachtstag auf den Tisch kommt. Sein besonderer Inhalt besticht durch eine Mischung aus Sultaninen, Korinthen, Orangeat, Zitronat und kandierten Kirschen. Darüber Marzipan und dann als Abschluss eine dicke Schicht Icing: eine flüssige Puderzuckermischung, die die Kuchenoberfläche so hart werden lässt, dass die englische Metro ohne Schaden drüberfahren könnte. Um den Kuchen wird liebevoll ein rotes Schleifenband gebunden, die Oberfläche mit einer Weihnachtsmannfigur und Silberkügelchen verziert.

Wichtig dabei: Der Kuchen wird bereits ein bis zwei Monate vor seinem Verzehr zubereitet und immer wieder in Brandy getunkt. Danach hat er erst sein volles Aroma entwickelt. Unter feierlicher Ankündigung präsentiert die Bäckerin dann den Christmas Cake am 1. Weihnachtstag zur Tea-Time: Das ist keine „Kaffee- und Kuchenzeit“, was man aus dem Namen vermuten könnte. Es ist auch nicht das Abendessen, das man eher zum Abend orientieren würde und auch Dinner genannt würde. Tea Time wird serviert gegen 17 Uhr – also rund 2 Stunden, nachdem man das Mittagessen beendet hat, und besticht durch eine Auswahl an Sandwiches, einem riesigen Lachs, Salaten und diversen Weihnachtskuchen, zum Beispiel dem Christmas Cake. Sobald sich also alle am Tisch Anwesenden schon vor Essen durch den Raum kugeln, wird der Kuchen unter großem AHA von allen lobend begutachtet und angeschnitten –immer mit dem Hinweis, dass dieses aber WIRKLICH der BESTE Kuchen sei, den man JEMALS gegessen habe. Gekniffen wird nicht, aber immerhin hat sich bei unserer Familie die Strategie entwickelt, nur ein GANZ kleines Stück zu essen, denn man wolle ja vom Kuchen noch lange etwas haben. Das funktioniert allerdings nicht immer.

Wie auch immer: Was von der Torte später übrig bleibt, wird sorgfältig zurechtgeschnitten und Verwandten und Freunden mit der Post nach Hause geschickt. Hält sich ja…

Eine kleine Bemerkung nebenbei, die erwähnt werden sollte: Anlässlich unserer Hochzeit fertigten Schwiegeroma, Schwiegermutter und Tante einen dreistöckigen Kuchen aus eben diesem Christmas-Cake an. Die drei Torten wurden unter größter Vorsicht nach Deutschland transportiert. Die einzige Aufgabe für mich bestand darin, das oben beschrieben Icing vorzunehmen. Kein Problem? Kein Problem! Ich beauftragte einen Konditor, der das Ganze natürlich prompt versaute, indem er einfache Puderzuckerglasur über die Hochzeitstorte strich und der Kuchen wie ein getarnter deutscher Weihnachtskeks aussah. Fehlte nur noch die Verzierung. Dass die Ehe überhaupt geschlossen wurde, grenzt bis heute an ein Wunder. Meine Schwiegermutter verließ das Fest samt Ehemann erzürnt vorzeitig und ließ mich ihren Zorn noch Jahre später spüren. Aber das ist lange her, vergessen und vergeben.

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It’s Tea Time

Zurück zur weihnachtlichen Tea-Time: Wer nun denkt, dass mit dem Christmas Cake die weihnachtliche Tea-Time beendet sei: weit gefehlt. Zur Krönung des Tages gibt es nun die so genannten Christmas-Cracker: Glitzernde Knallbonbons, die, wenn man sie an beiden Enden zieht, knallen – also zumindest dann, wenn man Glück hat und genügend Geld für die Dinger ausgegeben hat. Im Inneren befindet sich ein lustiger Witz, der aber – leider – selten witzig ist und zur Peinlichkeit jedes Einzelnen von jedem vorgetragen werden muss. Dazu gibt es im Cracker ein kleines Geschenk: Kartenspiele im Mini-Miniformat, Flummibälle oder Mini-Locher, kleine Scheren und solche Dinge, die man immer schon haben wollte. Zum Abschluss besticht der Cracker mit einem Papier-Krönchen e in lustigen Farben.  Mit der Krone bereiten sich dann die englischen Zeitgenossen auf die Rede der Queen vor – man muss ja immer gut gekleidet sein.

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In diesem Sinn: Egal, ob Ihr mit oder ohne Krönchen feiert. Ich wünsche Euch allen ein frohes Weihnachtsfest.

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