Klein. Kleiner. Am kleinsten.

OK, Zeit heute mal für ein ernstes Thema – man kann ja schließlich nicht immer über Kuchen und Kekse schreiben (wobei, hatte ich schon erwähnt, dass ich gestern diesen großartigen Aprikosen-Lemin Curd-Bleckkuchen gebacken habe? Später dazu mehr!)

Zurück zum Thema: Da stehe ich vor einigen Wochen mit meinem Sohn an der Theke eines uns allen bekannten Schnellrestaurants. Als ich an der Reihe bin, meine Bestellung aufzugeben, grätscht ein Mann mittleren Alters vor mir rein und beginnt, zu bestellen. Ich so: „Irgendwas zum Thema „Hinten anstellen“ nicht verstanden?“ Seine dreiste Antwort: „Mein Gott, stellen Sie sich mal nicht so an. Sie sind so winzig, ich habe Sie überhaupt nicht gesehen.“ Wer mich kennt: Ich bin WIRKLICH nicht auf den Mund gefallen und ich habe IMMER das letzte Wort. Aber in dem Moment überfuhr es mich wie ein rollender Zug, mein Sohn neben mir jammerte vor Hunger und ich stand da, sprachlos…. Blöder Zufall, wie sich der Typ benimmt? Mitnichten! Eher der alltägliche Wahnsinn.

Es ist ein ernstes Thema, das mir seit vielen Jahren auf der Seele brennt: Respekt vor anderen, die ein anders sind als wir. Wie steht es eigentlich um unsere Gesellschaft und dem Umgang mit Menschen, die nicht 08/15 sind – Menschen, die mit Behinderungen leben müssen, Menschen, die im falschen Körper geboren sind, Menschen, die zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn sind? Wie viel Respekt zollen wir wirklich den Menschen um uns herum? Und ist es tatsächlich so, dass Menschen, die ein Leben abseits unseres selbst definierten Standards leben, ohne Diskriminierung und Mobbing leben dürfen? Ich selbst führe mein „kleines“ Leben abseits der Norm, auch wenn ich versuche, das für mich als normal zu betrachten. Die meisten meiner Freunde nehmen mich so, wie ich bin. Vielleicht, weil ich selbstbewusst genug bin, um es zu kompensieren; vielleicht, weil ich gelernt habe, damit umzugehen. Vielleicht musste ich erst 40 Jahre alt werden, um das Thema einmal niederzuschreiben – ich versuche es trotzdem, mit einem Augenzwinkern 😉

Ich messe genau 1,49 Meter. Das ist genau 1 Zentimeter mehr als von Medizinern vor 30 Jahren diagnostiziert. Und 18 Zentimeter kleiner, als von Ärzten vor 32 Jahren diagnostiziert. Für mich brach damals meine kleine Welt zusammen – und ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen. Und um die Welt meiner Eltern, die sich ansehen mussten, wie ein kleines Mädchen unter ihrem Minderwuchs litt – und gemobbt wurde, war es nicht viel besser. Ein Mobbing, das so schlimm war, dass ich freiwillig ein Schuljahr wiederholte, um die Lücke wenigsten für eine Zeit ein wenig unsichtbarer zu machen, bis ich alt genug sein würde, um dem Ganzen besser begegnen zu können. Kein einfaches Unterfangen in einem Land wie Deutschland, wo es von großen Menschen nur so wimmelt. Und sich das Leben einfach nicht auf kleine Menschen eingestellt hat. Erst mein Leben mit meinem Mann – der 1,93 Meter misst – und meine Zeit in England zeigte mir, dass es sehr viel mehr kleine Menschen gibt, als ich damals dachte und machte alles ein bisschen besser.

Glücklicherweise entschieden sich meine Eltern damals gegen eine Hormonbehandlung. Sonst säße ich hier heute mit fünf Zentimetern mehr  – und müsste mit eventuellen Nebenwirkungen kämpfen. Auch das Brechen und gleichzeitige Strecken der Gliedmaßen, um einige zusätzliche Zentimeter zu erreichen, waren keine Option – zum Glück.
Rein medizinisch gesehen, gehöre ich noch nicht zu den per Definition minderwüchsigen Menschen. Ich bin ein ganz normal entwickelter Mensch, mit normal proportionierten Armen und Beinen und einem Gewicht, das dem eines Jugendlichen ähnelt – einfach eine normale Frau in Version XXS. Ich suche doppelt so lange nach geeigneter Kleidung wie meine Freundinnen, meine Hosen kaufe ich in Petite-Abteilungen im Ausland und Autos ab einer bestimmten Größe kann ich nicht vernünftig fahren, da ich nicht an die Pedale herankomme. Einmal in meinem ganzen Leben bin ich bisher einer Frau begegnet, die – obwohl sie nicht kleinwüchsig war – kleiner war als ich selbst. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie klein ich tatsächlich bin. Aber fühle ich mich auch so? Nein, die Brille durch die ich das Leben betrachte ist genauso wie die eines jeden. Und meine Freunde wären immer die gleichen. Mein Leben ist genauso glücklich oder unglücklich, wie es mit 1,80 Meter wäre. Aber manchmal wäre es einfach schön, würden die Leute mich sehen und nicht meine nicht vorhandenen Zentimeter.

„Wie ist das Wetter da unten?“ / „Sitzt du oder stehst du?“ / „Im nächsten Leben werde ich groß“… Schon mal gehört? Nicht wirklich lustig, oder? Mal abgesehen davon, dass wir Kleinen uns dauernd Sprüche anhören müssen: es ist nicht alles schlecht. Aber auch nicht alles gut. Hier ein Einblick in unsere „kleine“ Welt – und wenn Ihr das nächste Mal Menschen seht, die nicht 08/15 sind, denkt doch mal darüber nach, wie Ihr Ihnen helfen könnt anstatt sie großzügig zu belächeln.

  • Kleidung und Schuhe kaufen ist ein echtes Thema für sich. Schon einmal die Sortierung bei Tamaris und Co betrachtet? Versprochen: es lohnt sich. Während es ab Größe 37 für Frauen eine schier unbegrenzte Auswahl an Modellen gibt, kommen die Größen 35/36 eher mager daher und sind immer von jungen Mädels, die meine Größe tragen, ausverkauft. Und was die Kleidung angeht, kommt von manchen Leuten eine GANZ tolle Empfehlung: „Du könntest Geld sparen, indem du deine Klamotten in der Kinderabteilung kaufst.“ Ok, Danke….. aber ein bisschen peinlich ist das schon, oder? Und es trifft eventuell auch nicht so ganz Deinen Style. Dafür gibt’s heute die regelmäßigen Trips nach England, wo es spezielle Abteilungen für kleine Frauen gibt.
  • Schulranzen war früher – Ergobag ist heute: Mit sechs Jahren ist den meisten Kindern der Schulranzen zu groß, zu schwer, eine Last für den Rücken. Taschen wie der Ergobag fangen heute das Problem weitgehend auf. Mich fragten die Leute früher, ob ich die Tasche trage oder die Tasche mich…
  • Du bist 30 Jahre alt und fährst mit deinen Freundinnen 100 Kilometer bis zum Club deiner Wahl. Und dann stellst Du fest, dass Du deinen Ausweis vergessen hast. Der Abend endet damit, dass Ihr alle umdrehen könnt, weil der Türsteher Dir Dein tatsächliches Alter nicht abnimmt. Und alle sind sauer auf Dich!
  • Dein erster Freund fährt Motorrad und möchte nichts lieber, als Dich als Sozius mitzunehmen. Blöd ist nur, wenn man auf die Kiste nicht ohne Hilfe raufkommt… geschweige denn, selbst einen Führerschein machen zu können …
  • Mein Mann liebt Brit Pop und ein Leben ohne Konzerte mit Stehplätzen in den ersten Reihen war mal ein absolutes NoGo für ihn. Doch irgendwann begreifst du, dass es sinnlos ist, auf Konzerte mit Stehplätzen zu gehen. Und lernst, dass sich Tote Hosen, Placebo oder Ärzte auch auf Sitzplätzen genießen lassen.
  • Jetzt kommt mal etwas richtig Positives: Schon mal geflogen und sich über die mangelnde Beinfreiheit beschwert? Kein Problem, wenn man klein ist: Während sich alle anderen im Flugzeug auf ihren Sitz quetschen müssen, haben sie absolute Beinfreiheit. Das Öffnen der Stauflächen wird hingegen wieder zum Problem.
  • Toll ist auch: Alle denken immer und ständig, Du wärst jünger als Du tatsächlich bist. Ich bin mit 40 Jahren immer noch der Junge von nebenan, die jüngere Version meiner Schwester (tatsächlich bin ich die Große), auch schonmal die TOCHTER meiner Schwester… okay, jetzt wird’s albern, ist aber tatsächlich geschehen – glücklicherweise hat mich noch nie jemand für die Schwester meines Sohnes gehalten 😉 Und irgendwann denkt man einfach: „Leute guckt mir doch mal ins Gesicht…“
  • Das Küchenstudio versucht Dir, eine neue Küche mit Oberschränken für dein neues Haus zu verkaufen. Du weist den Verkäufer mehrfach darauf hin, dass Du an die Schränke nicht herankommst, keine Leiter benutzen möchtest und du dir anderen Stauraum suchen wirst. Der Verkäufer weist dich lächeln darauf hin, dass sie auch behindertengerechte Oberschränke im Angebot haben und erstellt dir trotz allem einen Vorschlag mit Oberschränken. Du besucht das Einrichtungshaus nie wieder und der Verkäufer muss seine Provision auf die zigtausende teure Küche eben irgendwo anders verdienen.
  • Was ganz hilfreich ist: Du wirst ständig und permanent unterschätzt. Auf der Bank, im Job, beim Sport. Du liest in den Augen der Anderen förmlich: Ach ja, da kommt die Kleine – und dann holst DU die Keule raus und zeigst, was für ein tough Cookie du sein kannst.
  • Einkaufen ist easy? Nicht, wenn Du klein bist: Du bist in Deinem Leben schon auf mehr Regale im Supermarkt geklettert, als Du zugeben würdest. Die Beschwerde der anderen Käufer war dir sicher. Geholfen hat dir trotzdem niemand.
  • Der zehnjährige Freund deines Sohnes sortiert seine Klamotten aus, dazwischen ein ungetragenes Paar coole Converse in deiner Größe…. Als die Kinder oben in ihren Zimmern spielen, fragst du deine Freundin dezent, ob sie dir nicht die Schuhe verkaufen möchte…

OK – so viel zum Thema „Anderssein“ – ich habe mich selbst als Beispiel genommen, um nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen. Und beim nächsten Mal, wenn Ihr jemanden seht, der anders ist: Entweder normal behandeln oder denjenigen einfach ansprechen. Tut nicht weh. Versprochen!

Happy Living

4 thoughts on “Klein. Kleiner. Am kleinsten.

  1. Ein toller Post! Ich kenne die Problematik aus dem Familienkreis. Selbst hatte ich das Glück, meine Körpergröße nie als Problem zu erleben (na ja, beim Tanzkursabschluss hat mir mein Tanzpartner das Kleid ein wenig zerissen …. mich konnte man ganz ohne Absicht leicht in die Höhe heben und ich versuchte die Zehenspitzen auf den Boden zu bekommen). Mein Ältester schien nach dem großen Papa und den Opas zu kommen, bis er mit 12 zu wachsen aufgehört hat (und die Opas und der Papa hatten ihren Wachstumsschub erst später). Auch für ihn ist die Körpergröße gar kein Thema. Auch für seine Freundin nicht, die zwar gerne Highheels trägt, ich sie aber noch nie darin gesehen habe (aus Rücksicht?!). Leider geht es Nichten nicht so gut. Von Baby weg waren die Eltern in Sorge, wurden später Tests gemacht und Therapien überlegt (zum Glück nicht durchgeführt). Ich versuche die ebenfalls kleinen Eltern von den Vorteilen unserer Statur zu überzeugen, doch ihre eigenen Erfahrungen waren negativ. Wenn ich Enkel bekomme, dann werde ich denen unsere Fotos zeigen (meine Uroma muss winzig gewesen sein, meine Oma wurde schon etwas größer, war aber immer noch kleiner als ich) und Geschichtchen erzählen, so wie das meine Oma gemacht hat. Sie hat mir mitgegeben, dass sie nie für etwas zu klein war, schon gar nicht zum Arbeiten (die Zeiten waren andere, aber diese Zuversicht hat mich geprägt).
    Zur Polizei konnte ich nicht gehen, meinen Schülern verkünde ich gerne, dass keiner vor seinem 12. Lebensjahr größer werden dürfe als ich (ein paar halten sich auch dran 😀 ).
    glg Petra

  2. Kenn ich, bin mit 1,82 zuhause die „kleine Zierliche“. Klamottenkaufen ist ein Alptraum, wenn man nicht Standard ist – also ob man sich das ausgesucht hätte. Wobei ich solche doofe Behandlung kleiner Leute von den wirklich Großen nicht kenne.

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