It’s Christmas time

Immer wieder versuche ich mich auf diesen Artikel zu konzentrieren. Aber irgendwie gleiten meine Gedanken immer wieder zu den Fotos unserer diesjährigen Weihnachtsferien in England – immer sehr speziell – deswegen darf man es auch nicht zu oft machen… Ja, ich gebe zu: Ich bin mit einem Engländer verheiratet – und zwar dem klassischen Typ: Middle Class, Privatschulausbildung, Fan von Fußball, Cricket und Rugby, manchmal eine besondere Tendenz zu äußerst merkwürdiger Mode, ach ja –  und – natürlich immer sehr höflich und zuvorkommend. Bevor ich vor 11 Jahren in die englische Gesellschaft eintauchte – und das mit Englischkenntnissen, die mein Lehrer als „völlig hoffnungslos“ bezeichnete, kannte ich gerade mal Lady Diana und das alljährliche „Dinner for one“, ach ja, du natürlich ein bisschen London bzw. das, was man als Nicht-Engländer in der Regel so zu sehen bekommt.

Ich habe Traditionen in England kennengelernt, die mich in den vergangenen zehn Jahren wirklich stutzig gemacht haben und mich heute doch etwas anders über das sonst so konservative Nachbarland denken lassen.

Da sind zum Beispiel die Weihnachtskarten:  Das ist in England fast wie bei einem Wettkampf. Wer gewinnt den Preis um die erste versendete Weihnachtskarte. Ich kann schon einmal auflösen: Wir nicht! In der Adventszeit werden in England wohl nur Karten verschickt – wer sonst auf der Welt schreibt so gewissenhaft einmal im Jahr Karten an die Menschen, die man gerne hat, irgendwann einmal gerne hatte oder deren Adresse nur noch im Adressbuch vor sich hin dümpelt. Ein vorgedrucktes „We wish you a happy Christmas“ in der Karte hilft dem Absender bei der zügigen Abfertigung  der Weihnachtspost. Nur unterschreiben muss der Absender seine Post selbst. Und fertig ist die ganz individuelle Weihnachtskarte. Sie kommen zu Tausenden ins Haus geschneit. Und billig ist es auch noch, denn bei all den Karten kann man sich einfach die übrige Deko sparen:  Sie hängen quer durch das Wohnzimmer verteilt, verzieren Fensterbänke und den Kaminsims oder werden dekorativ am Weihnachtsbaum aufgestellt. Meine Schwiegereltern, die schätzungsweise 300 Karten geschickt bekommen haben,  sind da besonders speziell: Die Karten der engsten Familienangehörigen stehen auf dem Kaminsims direkt im Wohnzimmer. Wenn man da gelandet ist, ist es mit der Beziehung zur Schwiegermutter noch nicht zu spät. Ansonsten wir die Karte auch gerne zum Anzünder für den Kamin 😉

Manche Absender machen sich besondere Mühe und schicken einen sogenannten „Christmas Letter“, das ist so etwas wie ein Familien-Newsletter, zusammen mit der Weihnachtskarte. Da wird zum Besten gegeben, dass der Onkel im letzten Jahr geheiratet und die Tochter sich einen Hund zugelegt hat, die Enkelin jetzt schon die 3. Schulklasse besucht und man im Urlaub in Cornwall war – gaaaanz weit weg also. Insgesamt also: Nachrichten, die unheimlich unter den Nägeln brennen.

Was gibt es noch? Da ist zum Beispiel der englische Weihnachtskuchen – Christmas Cake -, der zu allen möglichen und unmöglichen Feierlichkeiten, vor allem aber am 1. Weihnachtstag auf den Tisch kommt. Sein Inhalt besticht durch eine Mischung aus Sultaninen, Korinthen, Orangeat, Zitronat und kandierten Kirschen. Darüber Marzipan und dann als Abschluss eine dicke Schicht aus gehärtetem Puderzucker – auch Icing genannt: eine flüssige Puderzuckermischung, die die Kuchenoberfläche so hart werden lässt, dass die englische Metro ohne Schaden drüberfahren könnte. Um den Kuchen wird liebevoll ein rotes Schleifenband gebunden, die Oberfläche mit einer Weihnachtsmannfigur und Silberkügelchen verziert. Wichtig dabei: Der Kuchen wird bereits ein bis zwei Monate vor seinem Verzehr zubereitet. Danach hat er erst sein volles Aroma entwickelt. Wohl bekommt’s. Unter feierlicher Ankündigung wird  der Christmas Cake also dann endlich am 1. Weihnachtstag zur Tea-Time serviert, die rund 1,5 Stunden nach dem Ende des Christmas Lunches stattfindet und man sowieso nichts mehr essen möchte, vor allem aber nicht den Weihnachtskuchen, von dem der Magen noch vier Tage danach seine Freude hat. Also, der Kuchen – von allen lobend begutachtet und von der jeweiligen Bäckerin – bei uns ist das immer die englische Uroma – angeschnitten – natürlich  immer mit dem Hinweis, dass es der BESTE Kuchen sei, den sie JEMALS gebacken habe. Kneifen darf man nicht, aber immerhin hat sich bei unserer Familie die sorgfältige Strategie entwickelt, GANZ plötzlich nach den Kindern sehen zu müssen, den Hund schnell mal Gassi zu führen oder nach dem Glühwein zu schauen, der ja schon in der Küche kochen könnte…

Was von der Torte später übrig bleibt, wird sorgfältig zurechtgeschnitten und Verwandten und Freunden mit der Post nach Hause geschickt. Hält sich ja…

Eine kleine Bemerkung nebenbei, die es Wert ist, erwähnt zu werden: Anlässlich der Hochzeit meines Mannes und mir kredenzten Schwiegeroma, Schwiegermutter und Tante einen dreistöckigen Kuchen aus eben diesem Christmas-Cake. Die drei Torten wurden unter grösster Vorsicht nach Deutschland transportiert. Die einzige Aufgabe für mich bestand darin, das Finishing, nämlich das oben beschrieben Icing, vorzunehmen. Da ich nicht wusste, was es damit auf sich hatte, beauftragte ich einen Konditor, der das Ganze aber prompt versaute, die Glasur nicht fest wurde und die Hochzeitstorte aussah, als wenn sie seekrank geworden wäre. Denn sie drohte einzustürzen. Dass die Ehe überhaupt geschlossen wurde, grenzt an ein Wunder. Meine Schwiegermutter verließ das Fest samt Anhang und ließ mich ihren Zorn noch zwei Jahre später spüren. Aber das ist lange her, vergessen und jetzt nach Jahren erstmals vergeben. Aber zurück zur weihnachtlichen Tea-Time:

Wer aber denkt, dass mit dem Christmas Cake die weihnachtliche Tea-Time beendet sei, der hat weit gefehlt: Zur Krönung des Tages gibt es nun die so genannten Christmas-Cracker: glitzernde Knallbonbons, die, wenn man sie an beiden Enden zieht, knallen – also zumindest dann, wenn man Glück hat und genügend Geld für die Dinger ausgegeben hat. Im Inneren befindet sich ein lustiger Witz, der selten witzig ist und von jedem zum Besten gegeben werden muss. Daneben gibt es ein kleines Geschenk: Kartenspiele im Mini-Miniformat, Flummibälle oder Mini-Locher und zum krönenden Abschluss: Eine Papier-Krone in allen möglichen lustigen Farben.  Mit der Krone bereiten sich die Engländer nämlich auf die Rede der Queen im Fernsehen vor – man muss ja immer gut gekleidet sein.  Die Krone wird von jedem feierlich aufgesetzt und weiter geht es mit der Tea-Time – und nach den vielen Jahren frage ich mich noch immer, ob die Leute eigentlich wisse, wie bescheuert sie aussehen. Aber da wären wir wieder beim Thema England und Mode, aber das soll ein Thema für einen anderen Tag sein.

Frohes Neues nach an alle!

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