Graureiher: Gelassen dem Tag entgegen

Es ist April. Und wie in jedem Jahr hat sich wieder eine Kolonie von Graureihern im Lindenwäldchen in Melsungen niedergelassen, um ihre Jungtiere startklar fürs Leben zu machen. Was die Graureiher für Tiere sind, wie sie sich verhalten und was wir Menschen von ihnen lernen können. Das haben wir im Beitrag zusammengefasst.

Der Tau der vergangenen Nacht liegt noch über den Feldern und Wegen. Langsam kämpfen sich die ersten Sonnenstrahlen des Morgens durch den leichten Nebel. Es ist früh am Morgen und ich bin – wie sollte es auch anders sein – mit meinem Hund Sam unterwegs. Wir laufen unsere Frühstücksrunde durch das Melsunger Lindenwäldchen. Oben angekommen, empfängt mich wie an jedem Morgen seit zwei Wochen ein ohrenbetäubendes Kreischen aus hoher Luft. Da schaut sogar unser Sam erstaunt in den Himmel.

Es ist Mitte April und wie in jedem Jahr hat sich in den alten Baumkronen des Lindenwädchens eine Kolonie von Graureihern niedergelassen, um ihre Nachkommen fit fürs Leben zu machen. Sieben bis acht Wochen dauert es, bis die Jungtiere sich selbst um sich kümmern können.

Jetzt am Morgen lassen sich die Vögel ganz gut beobachten, wie sie ihre Nester verlassen, um Futter für die Kleinen oder andere Geschenke für den heimischen Bau mitzubringen: zum Beispiel kleine Ästchen oder Blätter. Dabei sind die Reiher durchaus wählerisch und geben sich viel Mühe, ein so schönes Nest wie möglich zu gestalten. In den Baumkronen ziehen die Reiher in den alten Baumkronen pro Nest rund drei Jungtiere groß. Und offensichtlich gefällt es ihnen bei uns in Melsungen. Denn sie kommen jedes Jahr zurück.

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Jungtiere im Nest © Fotolia / doudouphotos

Immer der Sonne entgegen

So verträumt wie sich unsere Wälder in der Region zeigen, so gut passen die Graureiher hierher. Denn im Laufe von Jahrhunderten sind sie zu festen Bestandteilen in Legenden und Mythen geworden. Seeleute waren sich zum Beispiel sicher, dass die Vögel nicht nur Stürme, sondern auch deren Richtung vorhersagen konnten. Und auch in den Sagen aus dem alten Ägypten hatten die Reiher eine besondere Bedeutung. Sonnenvögel nannte man sie, da sie sich mit dem Aufgehen der Sonne erhoben und in den Himmel stießen. So wie heute Morgen.

Majestätisch und voller Ruhe

Der Graureiher, den wir auch unter dem Namen Fischreiher kennen, ist Teil der Ordnung der Schreitvögel – wie übrigens auch seine naher Verwandter der Storch. Dabei ist wirklich alles an ihm schlank und grazil. Mit fast 80 Zentimetern Höhe hat der Reiher eine elegante schlanke Gestalt, einen schön geformten Hals und einen noch längeren Schnabel. Doch so schön er aussieht: er kommt mit scharfen Ecken daher, um seine oft glitschige Beute gut festhalten zu können. Und auch wenn er hoch in die Lüfte steigt,  wirkt sein Flügelschlag grazil und gleichzeitig voller Kraft.

Und auch sein Gefieder trägt dazu bei, dass der Graureiher vornehm daherkommt. Der schwarze Reif über seinen Augen wirkt wie ein toll gestylter Augenbrauenstrich. Und die hellen Federn und grauen Flügel geben ihm seinen typischen Namen.

Übrigens, wer einen Graureher beobachten will: Man kann ihn gut von den typischen Kranichen oder Störchen unterscheiden. Im Gegensatz zu ihnen drückt er seinen Kopf im Flug leicht nach hinten und bringt seinen Hals in eine S-Form. Störche dagegen behalten einen geraden Hals im Flug.

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Graureiher im Anflug © Fotolia/ Maciej Olszewski

In der Ruhe liegt die Kraft

Wenn es bei uns Menschen, um die Vermeidung von Stress im Alltag geht: einfach mal dem Graureiher zuschauen. Denn der hat wirklich die Ruhe weg. Sowohl in den hohen Lüften des Himmels als auch in majestätischer Ruhe in der Nähe von Wiesen oder flachen Gewässern, wirkt er würdevoll und stoisch. Der Schnabel zeigt genauso wie seine Augen mit der gelben Iris auf einen Punkt hin. Voll konzentriert auf die nächste Beute. Und bis er die im Schnabel hat, kann viel Zeit vergehen. Der Graureiher wirkt, als ob er am Boden angenagelt wäre. Und als ob ihm  die Hektik unseres Alltags nichts anhaben könnte. Und irgendwann, dann hat er auch seine Beute im Visier – und dann gibt es kein Entkommen, wenn er sich in die Luft erhebt, um sie dann zielsicher mit dem Schnabel aufzuspießen.

Für die Reiher ist unser Lebensraum an der Fulda mit seinen Teichen, Wiesen und naturnahen Bereichen ein optimaler Futterplatz. Und so ist es nicht überraschend, dass sie hier – zumindest temporär im Jahr – einen Ort zum Leben gefunden haben. Sie ernähren sich von Fröschen, Fischen, Mäusen oder Molchen. Nachdem die Reiher übrigens eine Zeitlang in Deutschland ausgestorben waren, sind heute bessere Zeiten für die Vögel angetreten. Untersuchungen gehen davon, dass sich in Europa rund 300.000 Brutpaare befinden, alleine in Hessen davon rund 1.000 Paare. Bis zu drei Jahrzehnte können uns die Reiher begleiten, bevor sie aus Altersgründen sterben.

Die Sterblichkeit bei den Jungtieren ist übrigens recht hoch. Rund 75 Prozent der Tiere sterben in den ersten zwei Lebensjahren, zum Beispiel durch andere Tiere wie Füchse oder andere größere Flugtiere. Und auch die Jungtiere im Melsunger Wald hat es im letzten Jahr bei einem heftigen Gewitter erwischt. Ein kleiner Orkan traf die Tiere, die noch nicht fliegen konnten, mit voller Wucht und schleuderte sie aus ihren Nestern. Am Morgen danach fand man sie tot im Wald.

Ich wünsche mir, dass den Reihern in diesem Jahr eine bessere Saison bevorsteht.

Mein Tipp: Einfach mal morgens ins Lindenwäldchen, sich auf einen der Steine an der Freilichtbühne niederlassen und den Kopf in den Nacken legen. Vielleicht lässt sich etwas von der Ruhe der Reiher auf uns hektische Geister übertragen. In diesem Sinne: Habt einen guten Start in die Woche.

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