Generation Youtube: „Wir sind alle eine Community“

Während die Welt über die Kölner Silvesternacht, US-Geheimdienstberichte zu Putin und Fake News auf Facebook debattiert, begleite ich meine Kinder zu einem Konzert der Lochis in Oberhausen. Nach einem lehrreichen Abend frage ich mich, wie um alles in der Welt passen unsere bisherigen Systeme in Schule, Politik und Arbeitgebern zu den Werten der Generation Youtube?

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In eisiger Kälte warten wir, das sind mein Ehemann, meine Schwester und ich mit vier Kindern vor der Turbinenhalle in Oberhausen. Unsere Kinder sind zwischen 9 und 13 Jahren alt. Zu Weihnachten haben wir ihnen Konzerttickets für die Lochis geschenkt. So viel hatte ich mitbekommen, dass die Zwillinge Roman und Heiko Lochmann, besser bekannt als die Lochis, mit ihrem Debütalbum #Zwilling voll bei ihnen eingeschlagen haben. Die beiden 17-Jährigen Mainzer Jungs sind Superstars auf Youtube, zählen 2,5 Millionen Abonnenten. Mit Übersetzungen und Parodien bekannter Songs werden sie bekannt, schreiben eigene Lieder, produzieren den Kinofilm „Bruder vor Luder“, erhalten Auszeichnungen und schießen mit ihrem Debütalbum auf Platz 1 der deutschen Charts. Haben wir alles früher auch schon gehabt, denke ich, außer eben diese ewig währende Online-Präsenz. Aber auch wir hatten als Jugendliche unsere Stars und wollten Rebellen der Gesellschaft sein, tapten uns die Fingerkuppen à la Michael Jackson und schmückten uns mit billigen Perlenketten, blinkenden Armbändern und fingerlosen Handschuhen, um ein bisschen verrucht wie Madonna auszusehen.

Nach der Dauerbeschallung im eigenen Haus durch Snapchat, Youtube und Musically dachte ich, ich wüsste, worauf ich mich bei einem solchen „Konzert“ einlassen würde. Ich rechnete mit ein paar hundert Kindern und Jugendlichen, die den Lochis zu Füßen liegen. Doch als wir eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung die Turbinenhalle erreichen und die Riesenschlange vor dem Eingang sehen, erkenne ich, dass ich falsch gelegen habe. Später höre ich, dass einige Jugendliche seit 10 Uhr morgens in klirrender Kälte draußen verharrt haben, um einen der Bühnenplätze zu ergattern. Die Halle füllt sich mit rund 3.000 Kinder, Jugendlichen – und Erwachsenen, die notgedrungen wegen ihrer Aufsichtspflicht mitkommen müssen.

Als die Zwillinge die Bühne betreten, ist die Stimmung unter den Jugendlichen bereits gigantisch – genauso wie die fetten Beats und die Bühnenshow, die die Jungs hinlegen. Und ich zolle ihnen Respekt. Denn mit 17 Jahren zwei Monate durch Deutschland zu touren und einen solchen Kraftakt stemmen zu können, auch rein körperlich, bedeutet schon eine außerordentliche Willenskraft. „Wir leben unseren Traum“, sagen die Jungs, und man nimmt es ihnen auch als Eltern ab. Die unschuldigen weißen Klamotten der Jungs und die von Akne gezeichneten Gesichter vermitteln: Wir sind genauso wie jeder von Euch, nur eben ein bisschen bekannter. Ihre Songs gehen ins Ohr, sprechen von Selbstfindung, Heimat und erster Liebe. Dabei sprechen die Texte eine Sprache, die in uns Erwachsenen und Eltern alle Alarmglocken klingeln lassen sollte: „Halt deine Schnauze Digga. Wenn du nichts Dringendes zu sagen hast, schweig lieber. Gib mir lieber probs, Junge das sind keine scheiß Lieder, All der ganze Hass, spiegelt einfach nur dein Neid wieder.“ Amüsiert, aber auch überrascht sehe ich, wie einige der Eltern dazu ihre Hüften im Rhythmus schwingen. Die Marke der Lochis sind sie selbst, als eine Art Transformation von Kindern hin zu jungen Erwachsenen, mit all dem, was dazu gehört: Mit den pubertären Problemen dieser Zeit, mit den Herausforderungen von Schule und Freizeit und mit der Frage nach Selbstfindung.

Die Frage nach einer beruflichen Zukunft stellen sich die Lochis indes scheinbar nicht: Youtuber, Schauspieler, Sänger. Mal sehen, wohin die Reise führt, sagen sie sich selbst und denen, die ihnen zuhören. Denn was zählt, und das merkt man ihnen in jedem ihrer Songs an, ist das Hier und Heute. Warum über die Zukunft nachdenken, wenn wir im Jetzt leben. Und es färbt ab. Fragt man als Eltern unsere Kinder, was sie später einmal werden sollen, hört man überall: Ganz klar – Youtuber. Selbst Wikipedia und andere Verzeichnisse haben das Dasein der Youtuber schon längst als eigenen Beruf aufgenommen. Feuerwehrmann war gestern.

Die Lochis gehören wie all ihre Gäste zur Generation Z, das sind die, die von 1999 an geboren wurden.  Von Kindesbeinen wachsen sie mit digitalen Informationen und den dazugehörigen Geräten auf und sind damit die zweite Generation der sogenannten Digital Natives. Die digitale Welt wurde ihnen quasi mit der Muttermilch mitgegeben. Sie nutzen das Online-Dasein ständig zu ihren Gunsten. Reale und digitale Freunde verschwimmen zu einer Masse, ihre Online-Community ist 24-Stunden online, so wie sie selbst, wie die Lochis in ihrem Lied „Durchgehend online beschreiben“: Hallo Welt, kannst du mich hören. Du darfst mich nicht beim Chatten stören. Mein Tagesablauf ist sehr klein, denn ich bin, bin, bin, bin, bin, bin durchgehend online. Online, online, durchgehend online. Online, online, durchgehend online.“ Für uns Eltern hilft dann im häuslichen Gebrauch: Einfach mal das WLAN abschalten. Aber wenn wir die durchgehende Online-Nutzung noch als Gefahr ansehen, ist das für die Jugendlichen heute so, als ob wir ihnen die Basis ihrer Existenz entziehen würden.

Die Eventagentur der Lochis macht einen großartigen Job, denn die Zwillinge kommen durchaus nicht wie die kleinen Jungs von nebenan daher. Das Konzert zeigt: Wir können groß! Trotzdem ist irgendetwas anders als in den Konzerten, die wir als Erwachsene kennen. Die Zwillinge reden zwischen ihren Songs immer wieder darüber, wie froh sie sind, dass sie alle zusammen in dieser Halle sind, wie geil es ist, in so viele Gesichter zu sehen. „Freunde“, „Geil, Alter“ und „Digga“ sind feste Bestandteile ihres Lieblingswortschatzes. Es wird gesnapt, Selfies gemacht und zwischendurch, ja da wird auch gesungen – und das unter ohrenbetäubendem Lärm, der einen dazu zwingt, sich nicht die Ohren zuhalten zu wollen. Die Qualität des eigentlichen Gesangs ist dabei zweitrangig. Die Lochis sind eben ein Gesamtpaket, das als solches funktioniert. Ja, die Lochis sind große Animateure. Sie bitten ihre jungen Gäste, sich alle hinzuknien, um dann wie wild aufzuspringen, sie feuern sie an, die Hände hochzureißen und ihre Smartphones auf Taschenlampenbetrieb zu stellen, um ein Kerzenmeer anzuzünden. Als Erwachsene komme ich mir zunehmend wie in einem dafür inszenierten Youtube-Kanal vor. Und genau das ist gewollt. Denn hier kennen sich die Kinder und Jugendlichen aus. Das ist ihr geschützter Rahmen, in denen ihnen keiner was kann: nicht die Eltern, nicht die Schule, nicht die Politik. Hier können sie ihr digitales Dasein ausleben – zusammen mit denen, mit denen sie im digitalen und echten Leben verbunden sind: „Wir sind doch alle eine Community, oder?“, ruft Heiko immer wieder.

Ich frage mich, was diese Generation für unsere zukünftige Gesellschaft bedeutet, für die großen Debatten, die wir Erwachsenen und alten Digital Natives auf Twitter, Facebook oder sonst wo führen. Wir denken, diese Generation zu kennen und halten uns an unseren alten Werten und Definitionen von Gesellschaft fest – weil es das Einzige ist, was wir haben und was wir verstehen.

Aber diese Generation ist anders. Sie will unabhängig sein von durch die Politik definierten Werten und kulturellen Debatten, sich nichts vorkauen lassen und ihren ganz eigenen Weg finden. Die Bedrohung von Terror scheint für sie ganz weit weg, denn es ist scheinbar nicht Teil ihres sowieso in weiten Teilen digitalen Lebens. Diese Generation ist durchaus an der Welt interessiert und wird irgendwann Verantwortung übernehmen, davon bin ich fest überzeugt. Ob sie unseren heutigen Politikern folgen wird? Ich weiß es nicht. Wer ein solches Konzert wie das der Lochis gesehen hat, fragt sich unweigerlich, ob wir in Schule, als Arbeitgeber und Politiker eigentlich noch auf dem richtigen Weg sind, um die Zielgruppe zu erreichen. Während sich die Arbeitgeber notwendigerweise bemühen, auf die neue Generation einzugehen, fragt man sich, ob die Schule in ihrem heutigen Konzept nicht scheitern wird. Die Einbindung der Digitalisierung der Gesellschaft wäre ein dringend benötigtes Element im schulischen Lehrplan, wie auch immer das aussehen könnte. Und die Politik? Ich weiß nicht, was die richtige Methode wäre, die Politikverdrossenheit gerade dieser Zielgruppe in ein positives Votum zu drehen. Wegsehen, hilft auf jeden Fall nicht. Insofern: Mir hat es gestern einmal mehr die Augen geöffnet. Insofern: Danke dafür, Heiko und Roman!

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