Ein sehr persönliches Plädoyer zur Inklusion: Lasst uns die Förderschulen!

Morgen, ja, da geht ein weiteres Halbjahr zu Ende. Dann kommen meine Jungs mit ihren Zeugnissen nach Hause, freuen sich über die eine oder andere Eins auf dem Zeugnis, ärgern sich über schlechte Noten und noch mehr über die Lehrer, die ja immer alles schuld sind. Ein Wochenende und einen zusätzlichen Ferientag gibt es Pause, bevor es wieder weitergeht. Aber bei uns geht mal wieder nicht alles so weiter wie bisher. Und so sehr ich versuche, Normalität zu wahren: Ab nächster Woche beginnt ein weiterer großer Schritt für den elfjährigen Sohnemann.

Denn er wird die Schule wechseln. Mehr als vier Jahre verbrachte er auf einer Förderschule für Kinder mit Hör- und Sehbehinderungen. Vier Jahre brachte ihn ein Bus am frühen Morgen in die Schule, um ihn am Nachmittag wieder zu Hause abzugeben. Vier Jahre, in denen tiefe Freundschaften mit Mitschülern gewachsen sind, er von einem jungen Kind zu einem fast Teenager wurde. Vier Jahre, in denen er sogar lernte, sich in Gebärdensprache zu verständigen. Vier Jahre, die morgen zu Ende gehen.

Aber gehen wir einen Schritt zurück: Der Sohnemann ist seit seiner Geburt auffällig, zeigt Auffälligkeiten in der motorischen und geistigen Entwicklung. Irgendwann wissen wir: Es handelt sich nicht um eine Entwicklungsverzögerung, sondern um ein neurologisches Problem, das ihn nicht so aufwachsen lässt wie normale Kinder. Es wird auf Autismus, genetische Auffälligkeiten, Stoffwechselerkrankungen, Hirnanomalien, Intelligenz, Wahrnehmungsstörungen und ADHS getestet. Verdachtsdiagnosen werden ausgesprochen und wieder zurückgezogen, immer und immer wieder. Und irgendwann wissen wir: Es wird niemals eine vernünftige Diagnose geben. Ben zählt zu der grauen Masse an Kindern, die nicht diagnostizierbar sind. Und vielleicht macht es das auch so schwer, eine passende Schule zu finden. Ben ist einfach Ben. Und er geht seinen Weg, wie er will – in seinem Rhythmus, seinem Stil. Und wir als Eltern und der Bruder müssen sich dem Tempo anpassen, so schwer es uns fällt.

Doch welche Schule ist nach dem Kindergarten richtig für ihn. Das Thema Inklusion steht an und wir entscheiden uns gegen eine inklusive Beschulung an der hiesigen Grundschule. Zu unausgegoren scheint uns der Ansatz, für das man nicht genügend Personal zur Verfügung stellen will. Und bei dem völlig überforderte Lehrer vor einer Klassensituation stehen, der sie nicht gerecht werden können (und für die sie auch nichts können) und alle Energie des Lehrers in die Herausforderung fließt, die Kinder mit Behinderungen nicht nur ruhigzustellen, sondern wie alle anderen Schüler zu fördern. Beim Elterninformationsabend an der hiesigen Grundschule berichtet die Schulleiterin vom Inklusionsmodell – und verärgerte Eltern fragen, wie die Schule denn sicherstellen würde, dass ihre cleveren Kinder denn nicht in ihrer Entwicklung gehindert würden – eben wegen der Kinder mit Lernhilfe-Status, körperlicher oder geistiger Behinderung. Ich verlasse den Elternabend frustriert vorzeitig und wir suchen nach einer anderen Lösung. Stattdessen wird eine auditive Wahrnehmungsstörung ausgesprochen und er darf an eine Hörbehindertenschule, auch wenn es Diskussionen um den getesteten IQ gibt. Die Ganztagsschule schreitet im Unterrichtsstoff zuerst langsam voran, dann immer schneller, bis sie nun in Klasse 3 Regelschulniveau erreicht. Und wir Eltern müssen Woche um Woche zusehen, wie die Schule unserem Sohn immer schwerer fällt, der schulische Druck ihn und uns mürbe und müde macht.

Dann entscheiden wir Eltern uns für den Schritt, der ansteht, aber richtig wehtut: Unser Sohn wird von der nächsten Woche an eine Schule für Lernhilfe und geistige Entwicklung besuchen – probeweise. Dort hat er die Chance, in seinem Tempo unterrichtet zu werden und das in einer Klasse mit wenigen Kindern. Und ob er nun in Klasse 3, 4 oder 5 ist, spielt dabei die kleinste Rolle. Um mich herum höre ich: „Muss das denn sein, dass Ihr ihn ausgerechnet dort hingebt, dorthin mit diesen verhaltensauffälligen Schülern? Gibt es denn keine bessere Lösung? Habt Ihr Euch das gut überlegt?“. Die einfache Antwort ist: Nein, es gibt keine bessere Lösung – nicht heute und nicht im Moment. Für unseren Sohn reduziert sich die Schulzeit mit einem Schlag von 33 auf 23 Stunden pro Woche. Seine zukünftigen Schulfreunde wohnen in Melsungen und er hat erstmals wieder die Chance, auch nach der Schule seinen Hobbies nachzugehen oder Freunde zu treffen. Eine Näh-AG wartet auf ihn im schulischen Rahmen, wo er erstmals seine besonderen Fähigkeiten im kreativen Bereich spielen lassen kann. Ja und die Matheaufgaben mit Minus und Plus im Hunderterbereich – die muss er trotzdem lernen, irgendwann, wenn er soweit ist.

Vielleicht wäre unser Sohn ja inklusiv beschulbar – aber nicht zu den Konditionen, die im hessischen Schulsystem herrschen. „Gemeinsam lernen“ heißt an den weiterführenden Schulen immer noch in weiten Teilen Frontalunterricht. Individuelle Förderpläne für die Schüler, die positiv wie negativ auffallen, gibt es – zumindest in unserer Region – nicht. Wer nicht mitkommt, muss zu Hause nacharbeiten, bleibt sitzen oder muss auf eine andere Schule. Wie sollte es auch gehen? Mit so wenig Personal und der Klassenstärke heutiger weiterführender Klassen reiben sich alle nur auf und am Ende steht bestenfalls ein Burnout des Lehrers und Frust bei den Schülern.

Alle reden seit Jahren von Inklusion. Inklusive Schulbündnisse sollen geschlossen und Förderstandorte geschlossen werden, liest man in den Tageszeitungen. Doch während das im Bereich der körperlichen Behinderung noch vorstellbar erscheint, stößt es spätestens im Lernhilfe-Bereich und Bereich der geistigen Entwicklung an seine Grenzen. Ich frage mich: Warum in aller Welt wollen wir denn auf Biegen und Brechen die Förderschulen aufgeben, die sich bewusst um die Probleme jedes einzelnen Schülers mit einer Beeinträchtigung kümmern? Vielleicht aus Mitleid, weil man denkt, die Schüler seien in unserer Gesellschaft benachteiligt? Die Wahrheit ist: Unsere Kinder sind glücklich, egal, ob sie an eine Regelschule, Montessorischule oder Förderschule gehen. Viele von ihnen haben nicht die Kapazität sich darüber Gedanken zu machen, welches Leben und welche Schullaufbahn erstrebenswerter erscheint. Ihnen bedeutet Schule weitaus weniger und sie alle machen an der Schule Freunde, wo sie gerade sind.

Und wenn sie sich ihren Möglichkeiten entsprechend entwickeln können, ohne Druck und Zwänge, dann erscheint mir das immer noch der beste Weg für alle. Lasst uns die Förderschulen also erhalten, zum Wohl der Kinder und damit sie nicht zu Spielbällen der Landespolitik werden.
Fakt ist, auch in unserer Kleinstadt fällt die Lernhilfeschule in der Außenwahrnehmung hinten runter. Denn sie wird als Abstellgleis für die Kinder gesehen, die nicht mehr mitkommen, so zumindest meine Wahrnehmung aus vielen Gesprächen. Mein Wunsch, der für Melsungen genauso wie für alle anderen Kommunen gilt: Wertschätzt endlich die Arbeit der Lehrer in den Förderschulen, die sich mehr als ein Bein für die Kinder ausreißen und ihnen den Weg ins Erwachsenenleben weisen. Reiht die Förderschulen wieder stärker in unsere Schulgemeinschaft ein und schafft Bündnisse, durch die sich Förder-, Grund- und weiterführende Schulen stärker verzahnen können, ohne dabei direkt wieder Förderstandorte auf den Prüfstand stellen zu wollen. Lernen können wir alle voneinander – die Behinderung, die beginnt als allererstes in jedem unserer Köpfe.

2 thoughts on “Ein sehr persönliches Plädoyer zur Inklusion: Lasst uns die Förderschulen!

  1. Ich lese diese Artikel sehr kerne von dir und wünschte das mir damals auch besser geholfen werden hätte können, habe ich heute noch dran zu knabbern obwohl ich schon auf die 37 Jahre zu gehe, schreck wo ist die zeit geblieben!?
    Und auch in diesen Schulen sind sicher einige dabei, die genauso wie dein Sohn sind und die Eltern für diesen Moment keine bessere Lösung sehen, bedeutet ja nicht, dass man das jeder zeit wieder ändern kann, sollten vielleicht auch mal Freund, Bekannte begreifen.
    Viele liebe Grüße sendet dir Jesse Gabriel

  2. Jesse Gabriel sagt:
    2. Februar 2017 um 22:32
    Ich lese diese Artikel sehr kerne von dir und wünschte das mir damals auch besser geholfen werden hätte können, habe ich heute noch dran zu knabbern obwohl ich schon auf die 37 Jahre zu gehe, schreck wo ist die zeit geblieben!?
    Und auch in diesen Schulen sind sicher einige dabei, die genauso wie dein Sohn sind und die Eltern für diesen Moment keine bessere Lösung sehen, bedeutet ja nicht, dass man das jeder zeit wieder ändern kann, sollten vielleicht auch mal Freund, Bekannte begreifen.
    Viele liebe Grüße sendet dir Jesse Gabriel

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