Du

Da entschliesse ich mich heute Abend, meinen alten PC zu entrümpeln, und finde diesen Brief. Geschrieben vor 4 Jahren an meinen Sohn. Geschrieben zu seinem Geburtstag, den wir ein letztes Mal in der Schweiz verbrachten, bevor wir zurück nach Deutschland zogen. In der Zwischenzeit haben sich viele Dinge in unserem Leben verändert. Nur der Ben, der ist irgendwie immer der Gleiche geblieben.

„Ich kann mich noch an jede Minute dieses Tages vor vier Jahren erinnern, den 14. Dezember 2005. Es ist 9 Uhr morgens, als Du fünf Wochen zu früh unter Vollnarkose geboren wirst, in einem kleinen Krankenhaus in Krefeld.


Am Abend vorher, als ich völlig von der Situation überrumpelt und mit Schmerzen im Krankhaus liege, versuche ich uns auf den nächsten Morgen vorzubereiten. Die Tatsache, dass unsere gemeinsame Zeit morgen vorbei sein wird und Du lernen musst, selber zu atmen und zu essen und trinken. Ich spreche mir Dir, streichele Dich durch die Bauchdecke hindurch. Doch die Stunden scheinen trotzdem zu schnell vorbei. Wir sind beide noch nicht bereit für die Geburt.

Als ich am nächsten Morgen die Augen zum ersten Mal im Aufwachraum aufmache, bist Du auf der Welt. Mein Mann ist da: „Benjamin geht es gut, er braucht nur etwas Hilfe beim Atmen. Er ist gut aufgehoben!“ Zwei Stunden später werde ich aus dem Kreissaal geschoben und zum ersten Mal wird mir der kleine Mann auf die Brust gelegt.

Für viel zu kurze 30 Sekunden, denn er atmet nicht gut und muss wieder versorgt werden. Später in meinem Zimmer erfahre ich von der Ärztin, dass Benjamin erst einmal im Brutkasten bleiben muss und ich ihn noch nicht bei mir haben könne. Ich fühle mich wie zerrissen. Waren wir 8 Monate jede Sekunde zusammen, bist Du jetzt 6 Zimmer weiter im Säuglingszimmer und ich nicht in der Lage aufzustehen. Mehrere Katheder und die frische Wunde hindern mich an jeder Bewegung.

Der Tag zieht vorbei und die Nacht kommt. Ich bin unfähig zu schlafen. Um 1 Uhr nachts treffe ich eine Entscheidung. Ich rufe die Nachtschwester und bitte sie, mir alle Schläuche aus dem Körper zu entfernen. Ich möchte zu meinem Sohn. Die Schwester versucht mein Bitten zu ignorieren, ich sei noch nicht wieder fit. „Sie werden es nicht schaffen!“. Aber mein Sternzeichen ist nicht umsonst das des Stiers und ich habe gelernt, die Zähne zusammenzubeißen. Also mache ich mich auf den Weg. Meine Augen tränen vor Schmerzen, die Wunde ist zum Zerreißen gespannt. Der Flur ist verlassen und Meter für Meter bewege ich mich vorwärts. Dann bin in ich da. Und jetzt erst sehe ich Dich zum ersten Mal richtig. Das Säuglingszimmer ist verlassen, alle anderen Babys sind bei ihren Müttern.

Nur Du liegst ohne Kleider und ganz friedlich da in Deinem Brutkasten. Ich ziehe mir einen Stuhl heran und betrachte Dich. Du bist so klein und siehst so zerbrechlich aus. Hübsch bist Du mit Deinem pechschwarzen Haar und Deiner kleinen süßen Nase. Bestimmt wirst Du später viele Frauenherzen brechen. Du atmest ganz ruhig, als ob Du nicht wüsstest, dass Du schon unsere Welt betreten hast. Ich greife durch eines der Löcher und fasse Deine kleine Hand, die meinen Finger direkt umschließt. In dieser Nacht schließen wir einen Pakt: Ich werde immer für Dich da sein, Dich verteidigen in unserer Welt, dass Dir nichts zustößt. Du antwortest nicht, aber ich weiß, dass Du weißt, was ich denke. Und es ist, als wenn du dem zustimmst.

Wie sehr mich das Leben in die Pflicht nehmen wird, haben damals weder Du noch ich geahnt. 4 Jahre später feiern wir heute Deinen Geburtstag: Wir singen Dir ein Geburtstagslied und obwohl Du nicht sprechen kannst, singst Du mit. Die Geschenke lachen Dich an und zum ersten Mal, seitdem Du auf der Welt bist, scheinst Du zu begreifen, dass sich dieser Tag nur um Dich drehen wird. Ich wische mir eine Träne aus dem Augenwinkel. Jeder Tag der letzten Jahre scheint wie ein Kampf hinter mir zu liegen. Du hast Dich nicht altersgerecht entwickelt, obwohl Du aussiehst wie alle anderen Kinder. Eben ein ganz normaler kleiner ruhiger Junge, lieb, unauffällig, ein Kind, das niemals weint, pflegeleicht. Und andere Eltern bewundern mich dafür. Aber dann ist irgendwann klar, dass mehr dahinter steckt als nur Dein ruhiger Charakter. Du lebst zu oft in Deiner eigenen Welt, willst von uns nichts wissen. Du setzt deine eigenen Prioritäten und ignorierst unsere Wünsche.

Du bist geistig behindert. Nicht schwer, aber es reicht, um unsere Welt oft nicht verstehen zu können. Und es reicht, damit Dich unsere Welt nicht verstehen kann. Dann legst Du Deinen Kopf an meinen Körper und bist ganz ruhig oder weinst zwischendurch ein bisschen. Wenn Du aufgeregt bist, trommelst du dir wie ein Äffchen gegen deine Brust oder deine kleinen Hände flattern und deinen Körper durchzuckt dann etwas, das an kleine Stromschläge erinnert – dann weiß ich: Du stehst voll auf „Empfangen“, spürst das Leben um Dich herum. Und dann, zu anderen Zeiten, dann sitzt Du oft einfach auf dem Sofa und starrst ins Leere oder auf den Fernseher – und dann weiß man: Jetzt muss einfach Pause sein. Nun geht nichts mehr. Alles auf Anfang. Du magst lange Haare, lackierst Dir die Finger- und Fußnägel und gehst leidenschaftlich gerne mit mir shoppen – und bist ein guter Berater darin. Die anderen Kinder lachen darüber? Die sind doch nur neidisch auf Dich.

Alle möglichen Therapien, Verdachtsdiagnosen und medizinische Untersuchungen haben Deinen noch so jungen Weg gesäumt. Gebracht hat es das alles nicht. Du entwickelst Dich eh in Deinem eigenen Rhythmus. Und trotz allem wissen wir auch heute nicht, was Dir fehlt. Und wir werden es wahrscheinlich niemals herausfinden. Aber als ich Dich damals sah, mit dem Strahlen in Deinen Augen, der kindlichen Freude über Deine Geschenke, da merke ich plötzlich, dass das auch nicht wichtig ist.

Du bist glücklich. Dich beschäftigt die Frage nicht, ob Du anders bist als die Anderen. Noch nicht. Und vermutlich wird sie dich niemals beschäftigen. In Deiner Welt bist Du normal und wir anderen sind die, die schräg drauf sind. Aber solltest Du Dir jemals die Frage stellen, werde ich auch dann für Dich da sein. Dir erklären, dass jeder Mensch gleich viel Wert ist und jeder seinen Platz in der Gesellschaft hat. Und bis dahin verspreche ich Dir, dafür zu kämpfen, dass die Menschen um uns herum endlich lernen, dass in jedem Menschen etwas Besonders steckt, behindert oder nicht.“

Mum 

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