Down-Begegnung am Berg

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, während unseres Urlaubs nicht zu schreiben. Aber heute habe ich das Gefühl, ich muss diese Begegnung von heute niederschreiben, in der Hoffnung, dass sie noch jemandem außer mir Hoffnung gibt.

Heute, an unserem letzten Ferientag in den Schweizer Alpen in Grindelwald, starten mein Mann und ich erneut den Versuch, mit unserem bald 5 Jahre alten Sohn  und seinem älteren Bruder zu wandern. Mit der Gondel auf den  Männlichen und dann eine Station hinunter. Eigentlich keine größere Anstrengung. Die Krux: Laufen ist für ihn ein echtes Problem. Eine Entwicklungsstörung, derzeit noch ohne Diagnose, hindert ihn daran, normal wie jeder andere Junge in seinem Alter zu laufen. Entweder er rennt oder bleibt einfach stehen – was in der Tat deutlich häufiger der Fall ist. Er pflückt verträumt Blumen am Wegesrand, analysiert Wasserpfützen oder steht einfach nur da und schaut ins Leere. Weil er Kälte nicht so spürt wie er, machen ihm Nebel, Regen oder Kälte auch nichts aus. Eine 40 Minuten-Wanderung kann dann auch schon mal schnell 3 Stunden dauern und am Ende sind alle irgendwie frustriert. Zumindest ich, so wie heute, auch wenn wir sogar einigermaßen gut von der Stelle kamen.

Wie auch immer: Während mein Mann und die Kinder mit der Gondel ins Tal fahren, entscheide ich mich, nochmal ein paar Stunden alleine zu laufen und nehme den Bergweg ins Tal. Ich renne eher als dass ich wandere, versuche, mir die Sorgen um unseren Sohn von der Seele zu laufen. Ich hatte mir unser Familienleben damals so anders vorgestellt, einfacher, normaler, vorhersehbarer. Ich hätte mir gewünscht, dass sich auch unser Sohn trotz aller Probleme irgendwann ein bisschen anpasst und alles etwas einfacher wird. Projekt Wandern ist gescheitert, denke ich. Schade, weil ich doch so ein Bergfreak bin. Naja: Vielleicht sollten wir im nächsten Jahr einfach an’s Meer fahren. Während ich so meinen Gedanken nachgehe, tauchen vor mir auf dem steilen engen Weg zwei Personen auf. Ich verlangsame mein Tempo. Der linke von Ihnen hat diese besondere Kopfform und auffällige Ohren und ich weiß sofort: Hier läuft ein junger Mann mit Down-Syndrom. Sein Vater läuft direkt neben ihn und hält ihn liebevoll an der Hand. Langsam laufen sie, ohne Hast, beide einen Wanderstab in der Hand. Der Vater achtet auf jeden Tritt, den sein Sohn macht – oder zumindest nehme ich an, dass es sein Sohn ist. Plötzlich bemerkt mich der Vater und macht mir Platz. Ich laufe an den beiden vorbei, bemerke währenddessen, dass der Jugendliche offensichtlich stark von dem Gendefekt betroffen ist.

Ich bin schon vorbei, als ich mich besinne und umdrehe. „Ich finde es toll, dass Sie das hier mit Ihrem Sohn machen“, sage ich dem Vater. Der Papa lächelt und antwortet: „Das finde ich auch, aber warum finden Sie das?“ Ich erzähle ihm in zwei Sätzen davon, dass wir einen autistischen Sohn haben, mit dem wir gerne wandern würden, das sich aber als schwierig erweist. Und dass man so selten Menschen mit Behinderungen auf den Wanderwegen trifft. Menschen, die so etwas wagen. Der Vater schmunzelt: „Sie dürfen nicht aufgeben. Das ist das Wichtigste. Er wird die Natur irgendwann lieben. Das verspreche ich Ihnen.“ Er erzählt mir, dass er aus Belgien kommt und sie beide seit mittlerweile elf Jahren  nach Grindelwald reisen, um hier zu wandern. Als er fünf Jahre alt war, begann er, mit seinem Sohn auf die Berge zu gehen. „Ich wusste nicht, was ich mit ihm machen sollte. Wir konnten in den Ferien keine Stadttouren unternehmen, weil er zu sehr von den vielen Reizen abgelenkt war. Ich wollte die Stadt kennenlernen, er die ganze Zeit nur Cola trinken.“ Also entschied er sich für einen Bergurlaub. Und traf damit ins Volle, wie er sich erinnert. „Am  Anfang liefen sie nur ganz kurze Wege. Und an jeder Wasserpfütze, an jedem Bachlauf mussten sie  halten, damit der Sohn Steine ins Wasser werfen konnte. Immer und immer wieder.“ Ich sehe ihn voller Staunen an und denke mir, dass mir das irgendwie bekannt vorkommt.

„Als er älter wurde, haben wir uns längere Strecken vorgenommen und seine autistischen Verhaltensweisen ließen mit zunehmendem Alter nach. Heute liebt er die Herausforderung des Weges, das Grün der Wiesen und die vielen Blumen. Das Einzige, was ihm leider nichts sagt, sind die Berge“. Aber dafür könne er die schöne Aussicht genießen, erzählt der Papa. Und dann gibt er mir einen Tipp, der mir sicher auch hätte selbst kommen können, aber das macht vermutlich die Erfahrung aus: „Sie müssen Wege suchen, auf denen eine Abenteuer liegt. Steile Wege, enge Wege, Wege, wo es etwas zu schauen gibt. Dann geht es. Dann vergessen die Kinder die Anstrengung des Laufens.“

Wo sie wohnen, frage ich sie und er berichtet, dass sie seit dem Anfang immer wieder in das Gleiche Hotel zurückkommen. „Man kennt ihn schon dort und irgendwie gehört er zum Inventar.“ Stolz berichtet er, was die Hotelbesitzerin in diesem Jahr zu ihm gesagt. „Wenn Sie beide kommen, erstrahlt das Haus irgendwie vor Liebe.“ Beeindruckend, finde ich, den Satz, aber auch diese beiden Menschen hier vor mir.

Während wir uns unterhalten, schweigt der Sohn. Ich denke, er kann nicht sprechen, denn er benutzt seine Hände, um sich verständlich zu machen. Behutsam klopft er seinem Vater auf die Schulter und lehnt liebevoll seinen Kopf an ihn. Dann nimmt er ihn wieder bei der Hand, steht ansonsten einfach still. Was das heißt, ist wohl klar: Weitergehen, Papa!

Ich hätte Stunden mit den Beiden verbringen können, aber irgendwie hätte ich das Gefühl gehabt, diese Zweisamkeit zu stören. Also laufe ich weiter. Meine Sorgen sind wie weggeblasen. Und beim Weitergehen denke ich mir, dass ein Mensch mit Behinderung doch mehr ist als ein Gendefekt, den man so früh wie möglich beseitigen sollte.

 

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