Der Mut zum eigenen Buch – wagen oder nicht?

Da waren wir nun mal wieder im Urlaub und führten erneut eine große und erhitzte Diskussion ums Bücher Schreiben. Mein liebster Ehemann bittet mich seit gefühlten 12,5 Jahren (Oh ja, wir haben bald Petersilienhochzeit!), mich doch endlich einmal an ein Buch zu wagen. Nun dümpelt die Idee der Geschichte schon seit geraumer Zeit (so circa 4 Jahre) auf meinem digitalen Schreibtisch herum: Entwürfe begonnen. Wieder weggelegt. Geändert. Neu begonnen. Vielleicht weil ich den Schritt nicht wage – I don’t know.

Bohlen am Strand

Nun ist Sonntag und die Geschichte liegt wieder vor mir – erneut in leicht abgeänderter Version – ich bin ja um 4 Jahre meines Lebens gewachsen – und mit mir die Geschichte. Hier kommt – zumindest für einige von Euch noch einmal – Kapitel 1 und 2. Eine Geschichte über einen Jungen, der seine Kindheit verlässt und sich auf einer Insel auf die Suche nach seinem Ich macht und dabei ein Gegenüber findet, das zu ihm passt. Eine Geschichte über die erste Liebe, die ersten Gefühle für jemanden, der nicht zur eigenen Familie gehört, über ein Hineinhorchen in eine Welt, der man bisher nicht begegnet war.

HEIMAT -Kapitel 1

„Malte sitzt im Auto. Gedankenverloren schaut er aus dem Fenster. Bäume, Häuser und saftgrüne Wiesen rasen an ihm vorbei. Der Himmel hat eine Farbe, wie er ihn daheim nie gesehen hat und deren Namen er nicht weiß. Ein Azurblau, für das er mit dem Farbkasten lange mischen müsste. »Ich muss Opa fragen, wie die Farbe heißt«, denkt er. »Opa ist ein Farbenkünstler, der wird es wissen.«

Diese Sommerferien werden anders als sonst.
Im Norden wartet auf ihn die See.
Eine Fähre bringt sie auf eine Insel, wo Wasser sie von allen Seiten umschließen wird. Ferien mit turmhohen Wellen, die feinen Sand an Land spülen. Muscheln in unzähligen Formen und Farben, die man am Strand suchen und zur Erinnerung in einem Glas mit nach Hause nehmen kann. Würmer, die sich mit den Fingern aus dem Watt rauspulen lassen. Unendlich viel Sand für Sandburgen. Und Wind, der einem die Haare um die Ohren pustet.  »Alle lieben diese Insel«, haben seine Eltern gesagt.

Er hatte sich das anders vorgestellt.
Er wollte zurück zu den Bergen und den Seen. Dahin, wo man der Sonne immer ein bisschen näher zu sein scheint. Wo die Kühe bimmelnde Glocken tragen, damit der Bauer sie findet, wenn sie sich auf den Hängen verirren. Da, wo man sich überall ins Gras werfen und in den Himmel gucken kann.
Da, wo seine Freunde sind.  Zumindest waren sie das einmal. bevor sie umgezogen waren.
Mama und Papa meinen, dass echte Freundschaften ein Leben halten. Aber seit der Umzugswagen kam und ihre Möbel in ein anderes Land gebracht hat, hat er seine Kumpel nicht mehr gesehen und nichts mehr von ihnen gehört.
Manchmal zählen neue Jobs der Erwachsenen mehr als Freunde. Ob er später auch einmal so sein wird?

Von ihrem Ferienhaus aus kann man das Meer sehen, sagt Mama. Es liegt versteckt hinter einer Düne, wo der Wind abends ums Haus bläst und man die Fenster knarren hört. Das wird er überprüfen. Mama hat auch gemeint, dass es ihm gefallen wird. Dass er dort die schönsten Ferien verbringen wird. Und dass sie beide eine Auszeit brauchen – von allem, was war. Zwei Wochen lang auf einer Insel. Nicht einmal sein Smartphone durfte er mitnehmen. What the fuck!

»Er denkt zu viel an die Vergangenheit. Das tut ihm nicht gut«, hatte Mama zu Papa gesagt.
Sie hatten gedacht, er hätte es nicht gehört. Dabei hat er jedes Wort verstanden.
Warum war es eigentlich so schlimm, an früher zu denken? Vor den Jungs bei seinem neuen Zuhause hat er ein bisschen Angst. Klar, sie wollen seine Freunde sein. Und ständig mit ihm Fussball spielen. Dabei hasste er es. Aber das würde er nie zugeben.

Gedankenverloren krault er Sam zwischen den Ohren, den Labrador mit dem angegrauten Bart, dem weissen Fleck auf der Brust und dem Schwanz, der vor Freude immer wie wild wedelt. Wenigstens ist er mit ihm hier. Das macht die Einsamkeit etwas erträglicher.

»Malte, alles klar bei Dir?« Seine Mutter dreht sich vom Fahrersitz aus zu ihm um. Mit ihren grossen runden Augen schaut sie ihn fragend an. Augen, die manchmal blau, manchmal grün sind, je nachdem wie das Licht fällt. Oder, in welcher Stimmung sie ist. Ihre Augen verraten sie, egal, wie gut sie sich verstellt. Er mag es, wenn sie grün schimmern. Dann geht es ihr gut. Das denkt er sich zumindest. Die Leute sagen, dass er die gleichen Augen wie sie hat. Strahlend, lachend, das Leben einladend. Und dass er sich deswegen glücklich schätzen kann.

Aber seitdem der Umzugswagen gekommen ist und sie an den neuen Ort gebracht hat, schimmern ihre Augen nicht mehr so grün. Ihr weicher Mund lacht und sagt nette Dinge, aber wenn sie ihn abends in den Arm nimmt und zum Einschlafen ein Lied singt, dann denkt er, dass sie eine schlechte Schauspielerin ist. Trotzdem liebt er es, sich an sie zu schmusen, seinen Kopf an ihren Busen zu legen. Irgendwie ist das ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, das ihn weniger alleine sein lässt. Er liebt die weichen Rundungen ihres Körpers, in die er versinken könnte. Er findet auch, dass sie unglaublich riecht. Meistens benutzt sie irgendein Parfüm, dass Papa ihr von einer Geschäftsreise mitbringt. Papa hat einen guten Geschmack, was die Auswahl des richtigen Duftes angeht. Er weiss, was zu ihr passt. Aber Malte liebt es, wenn sie einfach nur nach sich selbst riecht. Wenn er ihren Duft einatmet, weiss er, dass er zu Hause ist.

»Wir sind bald da. Du wirst sehen: Wir werden gemeinsam eine tolle Zeit haben. Ehrenwort!«
Soll er ihr erklären, dass er diesen Urlaub für eine total bescheuerte Idee hält? Aber sie hat sich so viel Mühe mit der Planung gemacht. Hat Stunden nach einem schönen Ferienhaus für sie gesucht. Mit einem kleinen Garten, in dem man sich gemütlich in einen Strandkorb kuscheln kann, um die Ausbeute der letzten Muschelsuche zu betrachten. Er will sie nicht enttäuschen.

Erst einmal ankommen. Am Himmel haben sich ein paar Wolken gebildet. Gedankenverloren schaut er aus dem Fenster und sieht zu, wie sich das Grün der Wiesen gegen das Blau des Wassers tauscht.“

Kapitel 2

Sein Zuhause für den Sommer befindet sich ganz oben im ausgebauten Dachgeschoss des kleinen Ferienhäuschens. Mit geschlossenen Augen liegt er im Bett und lauscht, ob er den Wind hören kann. Aber es ist alles ganz still. Beinahe zu still. Wann ist ihm jemals so eine Stille bewusst geworden?

Direkt über seinem Bett hat man ein kleines Fenster eingebaut.  Malte öffnet die Augen und schaut hinaus. Da ist er wieder, der blaue Himmel, den er gestern schon entdeckt hatte. Noch blauer, als die Augen seiner Mutter. Eine Möwe fliegt vorbei. Vermutlich auf dem Weg in den Süden. Wenn er jetzt ein Feuer machen würde, könnte er seinen Freunden ein Rauchzeichen senden. Damit sie wüssten, wo er ist, auf einer Insel inmitten von Wasser und Sand, und dass sie nicht vergeblich auf ihn warten sollen. Denn er wird nicht kommen. Nicht in diesen Ferien.

Er reibt sich die Augen und trottet verschlafen nach unten ins Haus. Wie durch einen Nebel hindurch kann er sich an gestern Abend erinnern. Sie hatten nach dem Autozug in einem Gasthaus Rast gemacht, Fisch gegessen. Wo so viel Wasser ist, muss es auch Fisch geben.  Das war in seinem früheren Zuhause genauso.  Da gab es Milch von den Kühen auf der Weide. Ganz frisch. Lecker. Und selbstgemachten Käse. Das schmeckte nach Zuhause.

»Guten Morgen, Malte. Na, Du bist aber ein Langschläfer heute!«, ruft ihm seine Mutter zu.
Sie sitzt in einem blau-weiß gestreiften Strandkorb im Garten, einen dampfenden Kaffee vor sich, ein Buch in der Hand.
Hinter ihr erhebt sich eine Düne mit strohigen Gräsern und einer grünen Pflanze, die er noch nie vorher gesehen hat. Sie hat kugelige Köpfchen und überall Stacheln. Er nennt sie Igelpflanzen, denn sie sehen so aus, als ob man sich besser nicht mit ihnen anlegen sollte. Freundschaft unerwünscht. Sogar Sam geht auf Abstand – und der fürchtet sich doch sonst nur vorm Teufel. Opa müsste hier sein, denkt sich Malte. Das wäre ein gutes Motiv für ein neues Bild.

»Mama, wenn Du auf einer einsamen Insel nur eine einzige Sache mitnehmen dürfest: Für was würdest Du Dich entscheiden?« Seine Mutter grinst: »Das kommt darauf an, in welcher Stimmung ich gerade wäre und schaut verträumt auf ihren Kaffee!« Malte denkt sich, dass er dabei leer ausgehen könnte, und fragt besser nicht nochmal nach. Denn das macht ihm Angst. Wenn es zwei Dinge gibt, ohne die seine Mutter nicht leben kann, dann sind es Kaffee und Bücher. Er kann sich nicht erinnern, in einem Haus jemals so viele Bücher gesehen zu haben, wie in ihrem eigenen. Außer vielleicht in der Stadtbücherei, aber das zählt ja nicht. Manchmal geht er mit dem Finger an den Büchern entlang und versucht sie zu zählen. Aber meistens schaut er sich einfach nur die Bilder und Fotos auf den Einbänden an.
Papa sagt, dass Mama alles liest, was man ihr hinlegt. Sie sei wie ein literarischer Allesfresser. Aber das stimmt nicht. Malte weiß es besser. Manchmal bittet er sie, mit ihr seine Tim und Struppi-Comics zu lesen. Dann antwortet sie nur: »Frag Deinen Vater. Das ist ein Papa-Buch.« »Was steht denn in Deinen Mama-Büchern?« hat Malte sie einmal gefragt. Papa hat geschmunzelt. Noch ein Geheimnis, dass er eines Tages wird entschlüsseln müssen.

Erst einmal kuscheln. Malte setzt sich neben sie in den Strandkorb und macht es sich unter der flauschigen Decke, die auf ihren Knien liegt, gemütlich. Kein Parfum, noch nicht. Gut. Die Morgensonne scheint ihm auf die Nase und er fühlt sich ein bisschen leichter als sonst.

4 thoughts on “Der Mut zum eigenen Buch – wagen oder nicht?

  1. weitermachen, natürlich. In erster Linie für Dich. Was – glaube ich – wichtig ist: ein guter Lektor, der den text immer wieder entrümpelt und die Essenz frei legt. (Das schreibt einer, der noch nie mehr als 2 Sätze gradaus geschrieben hat (naja, vielleicht drei .. Gruß aus München

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